Wenn ein kerneuropäischer Staat wie England die EU verlässt, dann ist das mehr als ein Betriebsunfall. Das Vertrauen der Welt in die politische und wirtschaftliche Stabilität Europas würde auf Dauer beschädigt, das außenpolitische Gewicht der Union halbiert. Denn wenn der eigene Laden auseinanderfliegt, ist das ein überdeutliches Zeichen von Schwäche und diplomatisch-politischer Inkompetenz.

Wer daher will, dass Europa Zukunft hat, muss versuchen, den Brexit zu verhindern – und nicht, ihn zu beschleunigen. Allerdings darf das nur demokratisch geschehen. Das heißt, dass die Briten noch einmal die Chance bekommen müssen, gegen den Brexit zu stimmen. Warum? Weil das aktuelle Referendum unter drei Bedingungen stattgefunden hat, die verhindern, dass direkte Demokratie zu einer sinnvollen Ergänzung repräsentativer Systeme wird.

Erstens war das Referendum nicht verbindlich: Regierung und Parlament dürfen es ignorieren. Das ist jetzt zwar eine Chance, aber grundsätzlich schlecht. Denn wenn die Bürger wissen, dass sie nicht verbindlich entscheiden, bleiben viele daheim oder fühlen sich für alles Weitere nicht verantwortlich – begreifen die Abstimmung vor allem als Gelegenheit, ihrem Ärger Luft zu machen.

Zweitens war das Referendum ein nach Gutsherrenart von Premierminister David Cameron gewährtes, und dies aus parteitaktischem Kalkül. Das ist für die Bürger eine ganz andere Situation, als wenn sie – wie in der Schweiz – von vornherein wissen, dass sie in allen wichtigen Fragen das letzte Wort haben werden, zumindest haben können. Wenn ein Bürger mit seinen Sorgen nie angehört, geschweige denn ernst genommen wird, und dann aus einer Laune der Herrschenden heraus für fünf Sekunden sprechen darf – was soll er da anderes tun als schreien?

Drittens braucht direkte Demokratie im Vorfeld faire Diskussionen und objektive Informationen. Die Schweizer bekommen sie in einem "Abstimmungsbüchlein", in dem beide Seiten ihre Argumente aufzulisten haben – und damit rechnen müssen, dass jemand die Zahlen prüft, die sie dort nennen. Die Briten hatten nichts davon, sondern lediglich monatelange Propaganda auf niedrigstem Niveau.

Chance für Europa

Im Moment sieht es nicht danach aus, dass die Verantwortlichen in England ihrem Volk eine zweite Chance geben. Aber es hat schon seinen Grund, dass Cameron den Austrittsantrag deutlich verschiebt und in die Hände seines Nachfolgers legt. Seine Landsleute bekommen so erstmals einen Vorgeschmack von den realen Folgen des Brexit – und immer weniger Lust, den Austrittskurs beizubehalten. Außerdem kann in dieser Zeit die Einsicht wachsen, dass ein Referendum, genauer: eine Volksbefragung unter derart verzerrenden Bedingungen - noch dazu bei hauchdünner Mehrheit - kein echter Volksentscheid ist, der die Regierung moralisch bände. Und eine rechtliche Bindung gibt es ohnehin nicht.

Das Referendum der Briten könnte so noch zu einer Chance für Europa werden: Wenn die Briten begreifen, was ein Brexit tatsächlich bedeutet, und dass sie deshalb dabei bleiben müssen. Wenn die anderen begreifen, dass man Europa nicht ohne seine Bürger vereinigen kann. Und wenn alle begreifen, dass direkte Demokratie nur funktioniert, wenn die Bürger nach sorgfältiger Information und Debatte verbindlich entscheiden.