Sind in Anbetracht dieser Argumente Referenden und Volksentscheide per se schlecht? Nein, denn statt der politisch bindenden Befragung kann man auch das Instrument des nicht politisch bindenden Volksentscheids oder Referendums einsetzen: Es hat in den vergangenen Jahren einige Entscheide dieser Art in Europa gegeben, die nicht wirkungslos geblieben sind. Das Volk bekam eine deutlich hörbare  Stimme – und Politiker einen Richtungsweis und einen Denkzettel.

Die Griechen haben beispielsweise im Juli 2015 inmitten der Schuldenkrise den Sparvorgaben der internationalen Gläubiger im Juli 2015 eine klare Absage erteilt. Selbst Regierungschef Alexis Tsipras hatte für ein negatives Votum bei dem Referendum geworben. Die Folge: Ein Krisengipfel in Brüssel konnte den Austritt Griechenlands aus der Eurozone in letzter Minute verhindern. Dabei wurden auch, zumindest mehr als zuvor geplant, griechische Interessen berücksichtigt.

Manchmal kann Volkes Stimme auch dazu beitragen, dass Politiker sich mehr um die Vermittlung ihrer Ideen bemühen: So stimmten die Iren dem Vertrag von Nizza, der den Weg für die EU-Erweiterung (und dem Vertrag von Lissabon) ebnen sollte, zunächst nicht zu. Anderthalb Jahre später sprachen sie sich doch für die Annahme aus. Die Angst vor den "Horden" aus Mittel- und Osteuropa hatte mit der Zeit etwas nachgelassen. Die Beispiele zeigen: Nur weil Volksentscheide politisch nicht bindend sind, sind sie noch lange nicht unwirksam.

Volksentscheide sind daneben sinnvoll, wenn es um regionale Themen geht, die den Bürger unmittelbar betreffen, beispielweise die zukünftige Nutzung des Flughafen Tempelhofs in Berlin. Sie werden oft von den Bürgern selbst mittels Bürgerinitiative oder Volksbegehren zur Diskussion gebracht und ihre Folgen sind ohne vertiefte politologische Studien einschätzbar. Bürgerentscheide, die in Deutschland Entscheidungen in Kommunen und Landkreisen betreffen, sind oft als politisches Instrument sinnvoller als Volksentscheide oder Referenden. Aber Politik im großen Maßstab kann und darf nicht am Stammtisch entschieden werden.