Politiker vom europäischen Festland befinden sich seit Monaten in einer kniffligen Lage. Überall ist ihre Meinung zum britischen EU-Referendum gefragt. Zwar gebietet es der demokratische Respekt, Wahlempfehlungen zu vermeiden. Aber als Verfechter der europäischen Idee möchte man laut über den Ärmelkanal rufen: "Stay with us!"

Besonders ungeschickt verhielt sich in den letzten Tagen EU-Ratspräsident Donald Tusk. Er prognostizierte "sieben Jahre politisches Chaos" und den "Beginn der Zerstörung der westlichen Zivilisation", sollten die Briten für den Brexit stimmen. Man braucht kein Verhaltenspsychologe sein, um zu ahnen, dass solche apokalyptischen Einschüchterungsversuche den Unmut über die EU eher noch vergrößern werden.

Nicht viel besser machte es Wolfgang Schäuble mit seinem Zuckerbrot-und-Peitsche-Ansatz. Einerseits lobte er das Vereinigte Königreich, andererseits drohte er: "in is in and out is out". Zwar ist Schäubles Aussage mit Blick auf den europäischen Binnenmarkt korrekt und das Modell Norwegen, das für die Zugehörigkeit zum Binnenmarkt sowohl EU-Regeln als auch Beitragszahlungen akzeptieren muss, mit den britischen Interessen und dem Wunsch nach Unabhängigkeit wohl kaum vereinbar. Aber der Bundesfinanzminister sagt das Richtige im falschen Ton. Auf der Insel ist vor allem Schäubles Peitsche angekommen.

Drohungen und Belehrungen treffen bei den stolzen Briten bestenfalls auf Ignoranz. Im schlimmsten Fall wirken sie wie Öl im Brexit-Feuer. Um einen konstruktiven Beitrag vor dem Referendum zu leisten, fehlte in den Äußerungen der Festland-Europäer ein ganz entscheidender Punkt: Wie wir Europa besser machen wollen. Die Briten sind über den Status quo der EU äußerst unzufrieden, wie auch die Bürger in anderen Staaten – mitunter aus guten Gründen. Da reicht es nicht aus, wie Schäuble eine europäische Vollbremsung hinzulegen und anzukündigen, dass es keine Vertiefung der europäischen Zusammenarbeit mehr geben soll.

Das Gegenteil zu fordern, also mehr Vertiefung, wäre genauso plump. Aber: Man muss die Kritik und die Kampagne der Brexit-Befürworter genau lesen, wenn man den Briten wieder Lust auf Europa machen möchte.

Die Brexit-Kampagne wirbt vor allem für die Zurückeroberung der Selbstbestimmung. Seit Wochen wiederholt der oberste "Befreiungskämpfer" Boris Johnson beständig: "We will take back control." Dass die Briten Kontrolle über ihr Land verloren haben, ist falsch. Aber dass sie das Gefühl haben, nicht genau zu wissen, wie wichtige Entscheidungen für ihr Land zustande kommen, ist richtig.

Das ist das Kernproblem der heutigen EU: mangelhafte Transparenz und unausgereifte Demokratie. 

Zwar ist Großbritannien im mächtigsten Gremium der EU, dem Rat, eines der einflussreichsten Länder. Aber weil die Sitzungen geheim sind und es keine Protokolle gibt, weiß kein Brite, welche Position seine Regierung vertreten hat und welchen Einfluss diese auf das Ergebnis hatte. Im Europaparlament muss sich weder die EU-Kommission noch der Rat einer hartnäckigen Fragestunde wie im britischen Unterhaus stellen. Aus Unwissenheit wird so Ohnmacht.

Ein zweites Beispiel: Das Europäische Parlament wird bei wichtigen Fragen noch immer außen vor gelassen. Etwa bei der Eurorettung. Es hat auch kein volles Initiativrecht, kann keine eigenen Gesetze in den Gesetzgebungsprozess der EU einbringen. Populisten wie UKIP-Anführer Nigel Farage haben es in einem Land mit einer starken parlamentarischen Tradition nicht schwer, dieses Demokratiedefizit für sich nutzen.