Es war angekündigt als die große Debatte, Kampf der Titanen, David Cameron gegen Nigel Farage. Doch die direkte Konfrontation blieb am Dienstagabend in der Sondersendung des britischen Kommerzsenders ITV aus. Erst bekamen wir Zuschauer eine halbe Stunde Farage vorgeführt, den – ja, wer ist der eigentlich? Sprecher der Brexit-Befürworter? Führer eines "Haufens Verrückter, Bekloppter und heimlicher Rassisten", wie der Premierminister seine UK Independence Party Ukip einmal nannte?

Eigentlich ist Farage ein Mister Niemand, ein Verlierer, dem es bei den letzten Unterhauswahlen nicht einmal gelang, einen Wahlkreis gegen einen von den Torys ins Rennen geschickten totalen Mister Niemand zu gewinnen. Er versprach damals, als "Ehrenmann" die Führung der Beklopptenpartei abzugeben. Aber die Egomanie war dann doch stärker, und bald erlebte er eine Wiederkehr als das öffentliche Gesicht der EU-Feinde.

Und was für ein Gesicht es ist! Wie vom lieben Gott oder vielleicht auch vom vielen Rauchen und Zechen in Dorfkneipen geformt. Augenbrauen wie Toreinfahrten, ausbalanciert durch nach unten ebenso weit ausschweifende Tränensäcke. Ein riesiger Mund, der sich manchmal viereckig verformt. Vor allem dann, wenn seine Haut rot anläuft und ihm der Schweiß aus dem Hemdkragen steigt. Zum Beispiel als er versichert, er sei für den Commonwealth oder als eine junge schwarze Engländerin ihn fragt, wie er seine Behauptung rechtfertige, Frauen lieferten sich der Gefahr sexueller Übergriffe aus, wenn Großbritannien nicht aus Europa aussteige. Er wehrt sich verzweifelt, "beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich", man dürfe die Suppe nicht so heiß löffeln, wie sie aufgetischt werde.

Was natürlich nur bestätigt, dass die Ukipler nicht einmal heimliche, sondern ganz offene Rassisten sind. Denn die junge Frau ist eine ganz normale Britin. Und die lässt sich von ihm keineswegs so einfach abwimmeln. Denn die Fragen stellt an diesem Abend das Studiopublikum. Und manche Teilnehmer haken hartnäckiger nach, als man das sonst in Fernsehstudios erlebt. Woraufhin Farages Mund sich wiederum mehrmals quadratisch verformt.

Cameron hat leichtes Spiel mit Farage

Aber er muss ja ruhig bleiben. Cameron hat sich nämlich nur bereit erklärt, gemeinsam mit ihm in einer TV-Debatte aufzutreten, nicht mit Boris Johnson oder Michael Gove, den viel clevereren Vorkämpfern der Befreiung des Königreichs aus der Umklammerung durch diese Brussels people, die das Reich der Queen, die Heimat der Magna Charta, die weltführende Demokratie und den Inbegriff eines Rechtsstaates, durch Bürokratie, Korruption und eine mutwillig ausgelöste Immigrantenflut unterminieren.

Eine Frage verpasst das Publikum leider. Welche demokratische Legitimation hat der Wahlversager Farage eigentlich selbst in dieser, der größten aller Demokratien? Denn sogar Boris und seine Freunde scheuen sich, Farage mit der Kneifzange anzufassen. Man weiß bei ihm ja nie, mit welcher Schnapsidee er als nächstes herauskommt.

Eine ganz tolle Schnapsidee hat er tatsächlich an diesem Abend auf Lager. Er versucht dem Studiopublikum und den vielen Millionen Zuschauern tatsächlich weiszumachen, dass das Land besser gestellt wäre und der nationale Wohlstand steigen würde, wenn die EU zehnprozentige Zollabgaben auf britische Importe erheben würde.

Nun, kein Wunder, dass Cameron diesem bekloppten Rassisten und Antiökonom die Ehre erwies, gegen sich als das offizielle Gesicht der Brexiter antreten zu lassen. In seiner halben Stunde hatte er leichtes Spiel, den von Farage verbreiteten Unsinn zu entkräften. Aber bei der großen Debatte geht es natürlich gar nicht so sehr um Sinn und Unsinn, sondern um die Emotionen.