ZEIT ONLINE: Es gibt kein anderes Land in Europa, das so religiös ist wie Polen. Warum seid ihr in Beziehung zu anderen Religionen so intolerant? Besonders dem Islam gegenüber, obwohl es bei euch gar keine Muslime gibt.

Gazeta Wyborcza: Die Frage ist, ob wir über den Staat oder über die Polen sprechen. Der polnische Staat und seine Institutionen sind meiner Überzeugung nach allzu devot, was die Ansprüche und Erwartungen der katholischen Kirche betrifft. Leider wird dies durch die Rechtsprechung des Verfassungsgerichtes unterstützt, das in fast allen Angelegenheiten, in denen Interessen der katholischen Kirche eine Rolle spielten, zugunsten dieser Interessen entscheidet.

Die derzeit regierende Partei, die PiS, stachelt zu Fremdenfeindlichkeit und Islamphobie an und das bevorzugt die katholische Kirche. Sie hat das zu einem Machtinstrument gemacht. Die regierende Elite vermittelt, ein echter Pole sei ein Patriot mit vaterländischer Konfession.

 

Doch ich bin mir nicht sicher, ob die polnische Gesellschaft bei der Religion tatsächlich intolerant ist. Wir sind zwar durchaus fremdenfeindlich, aber ich glaube nicht, dass dieser Fremdenfeindlichkeit religiöse Intoleranz zugrunde liegt. Polen war jahrzehntelang ein monokulturelles und mononationales Land und die Polen reisten wenig ins Ausland. Das fördert die Angst vor dem Anderssein. Außerdem hatten wir in der Volksrepublik Polen eine Periode der Säkularisierung. Die katholische Kirche wurde damals – zumindest in den Großstädten, unter gebildeten Menschen und auch von der demokratischen Untergrund-Opposition – eher politisch wahrgenommen: als Bollwerk der Freiheit, als Verbündete im Kampf gegen den Kommunismus, als einzige Institution, die vom sozialistischen Staat nicht geklont wurde.

Die Islamphobie kam in Polen – wie in der ganzen westlichen Welt – mit dem 11. September auf. Sie wurde stärker, als die PiS an die Macht kam, denn damit begann die Hetze gegen Einwanderer und den Islam in den Medien. Inzwischen ist Islamphobie tatsächlich Mainstream. Falls die Propaganda noch einige Jahre so weitergeht, besteht die große Gefahr, dass sie die Mentalität der jungen Menschen formen wird.

Noch ist aggressiver Fremdenhass nur in wenigen Kreisen verbreitet, die es sind meist keine strenggläubigen, praktizierenden Katholiken. Das Problem ist, dass diese Gruppierungen sehr präsent sind. Es ist wie mit den Fußballfans: Man assoziiert sie mit Hooligans, die Flaschen zerschlagen und rassistische Losungen rufen, obwohl die Mehrheit der Fußballfans nicht solche Menschen sind.

Ewa Siedlecka, Gazeta Wyborcza