Ein spärlich eingerichtetes Zimmer in Diyarbakır. Zwischen dem Bett und dem kleinem Schrank hat Abdul Kadir seinen elektrischen Rollstuhl vors Fenster gefahren. Weißgraue Stoppeln umranden sein faltiges Gesicht. Vor zwei Jahren seien seine Frau und er mithilfe von Schmugglern aus Hassaka im Norden Syriens in den Südosten der Türkei gekommen, erzählt er. "Anfangs hatten wir noch Ersparnisse", sagt der 56-Jährige, der früher als Lastwagenfahrer gearbeitet hat. Doch zwei Jahre sind eine lange Zeit, das Geld ist irgendwann aufgebraucht: für Miete, Lebensmittel, Kleidung und was sonst zum Leben nötig ist. 

"Gott segne die Geldkarte", sagt Abdul Kadir und meint damit die 100 türkischen Lira (etwa 30 Euro) der Diakonie Katastrophenhilfe (DKH) und ihrem türkischen Partner Support To Life (hayata destek, STL), die das Ehepaar monatlich auf einer weißen Chipkarte bekommt. 100 Lira reichen nicht für alles, aber um etwas Öl, Tee, Reis oder Oliven zu kaufen eben doch. 40 bis 50 Prozent des Bedarfs an Lebensmitteln können die Flüchtlinge laut Support To Life mit dem Geld auf den Chipkarten decken.

Die Kadirs haben im Vergleich zu vielen anderen der zwei Millionen Flüchtlinge in der Türkei allerdings noch Glück gehabt. Ihre Wohnung liegt zentral im Stadtteil Bağlar, hat zwei Zimmer, ist in einem guten Zustand und für Abdul in seinem Rollstuhl ebenerdig erreichbar. Als syrischer Gast erhält er in der Türkei kostenlos Medikamente und ärztliche Behandlung, den selbst gebauten elektrischen Rollstuhl haben ihm Freunde aus Deutschland organisiert. Aber Abdul und seine Frau brauchen auch 250 Lira im Monat für die Miete und vor allem Geld für Essen. Der türkische Staat hilft nur den Flüchtlingen in den staatlichen Camps entlang der Grenze. Und die lokale kurdische Verwaltung in Diyarbakır hat den Kadirs im vergangenen Jahr zweimal 300 Türkische Lira (etwa 94 Euro) ausgezahlt, mehr nicht. Da ist Kadir das Geld der EU, das er via Cashcard bekommt, sehr willkommen. 

Cashcard-Programme sind gefragt

Trotz des Putschversuchs will die EU die Situation von Flüchtlingen in der Türkei weiter verbessern, damit sie weniger Gründe haben, nach Europa zu kommen. Als Teil des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei stellen die EU und ihre Mitgliedsländer dafür bis zu sechs Milliarden Euro bereit. Auch wenn die EU-Kommission das Abkommen wegen Recep Tayyip Erdoğans autoritärer Politik und dem Streit um die Visafreiheit nun als gefährdet einschätzt, hat sie gerade weitere 1,4 Milliarden Euro für zusätzliche Projekte freigegeben. Von der bis Ende 2017 versprochenen ersten Zahlung von 3 Milliarden Euro stünden damit rund 2,15 Milliarden Euro zur Verfügung, teilte die Kommission am 28. Juli mit

Um dieses Geld zu verteilen sind Projekte wie das Cashcard-Programm in Diyarbakır derzeit in Brüssel sehr gefragt. Und Flüchtlinge, die wie die Kadirs außerhalb der staatlichen Lager leben, sollen davon profitieren. In der Türkei sind das 90 Prozent aller Flüchtlinge.

Seit April 2015 geben DKH und STL ihre Geldkarte an 30.000 besonders bedürftige Syrer in Diyarbakır, Batman, Hatay, Şanlıurfa sowie rund 2.000 irakische Jesiden im lokal organisierten Lager Fidanlik.  

"Durch Cash-Transfer-Programme können die Geflüchteten selbst, besser und flexibler entscheiden, welche Waren für den Grundbedarf für sie, das heißt ihre Familie, die richtigen sind", sagt Michael Kessler, Programmleiter der DKH, bei einem Besuch in Diyarbakır. "Ein ganz wichtiger Aspekt zu einem würdevollen Umgang mit den Bedürftigen." Außerdem mache es die Menschen unabhängiger von Hilfsgütern wie Nahrungsmittelpaketen, die nicht immer den persönlichen Bedarf decken oder die richtigen Lebensmittel für die Geflüchteten enthalten. Zudem unterstützt Bargeld, auch in Form von Geldkarten, die lokale Wirtschaft.

Beobachten lässt sich das zum Beispiel im Supermarkt von Vefik Salmiş in Diyarbakır. Einmal im Monat, wenn die Karten neu aufgeladen werden, sei sein Markt regelrecht überlaufen, "vier Tage lang", sagt der kurdische Besitzer dreier Supermärkte. Die Geldkarten von DKH und STL garantieren ihm drei Prozent seines Umsatzes, monatlich immerhin 150.000 Türkische Lira (etwa 47.000 Euro). Und er stellt sich auf die Kunden mit den Cashcards ein: "Ich habe seit einiger Zeit die syrische Zatar-Gewürzmischung im Angebot", sagt er. Er sei glücklich, ein solches Projekt unterstützen zu können.

Neue Geld-Zusagen

Der gescheiterte Putschversuch und seine Folgen beunruhigen den DKH-Projektleiter Kessler, er sorgt sich um die Sicherheit der Mitarbeiter und Partner. Substanzielle Auswirkungen auf Projekte und Programme gebe es bislang aber nicht. "Gerade in dieser Woche haben wir eine weitere Projektförderung von der Europäischen Union in Aussicht gestellt bekommen", sagt Kessler.

Von Brüssel aus sucht man erfahrene Organisationen mit lokalen Partnern in der Türkei. Eine von den drei Milliarden Euro der EU soll an das Europäische Amt für humanitäre Hilfe fließen, das bereits jetzt die Projekte von Diakonie und Support To Life finanziert: Bis Ende 2016 bekommen beide Organisationen mehr als 10 Millionen Euro. 

Bargeldtransfers wie die Geldkarte der Diakonie sind in der weltweiten Flüchtlingshilfe zur Zeit sehr beliebt, ob als Chipkarte, Handyüberweisung oder Gutscheine. Das deutsche Außenministerium etwa rühmt sich gegenüber ZEIT ONLINE seiner "Vorreiterrolle": Mit solchen Bargeldprogrammen habe das Auswärtige Amt mit seinen Partnern "neben weiteren Änderungen im humanitären System einen weltweiten Paradigmenwechsel in der Humanitären Hilfe eingeleitet".

In der Türkei gibt es bereits mehrere solcher Projekte. "Das Cash-Programm lässt sich landesweit übertragen", sagt Kessler. Der Markt sei da, die technischen Kapazitäten für Chipkarten seien gut und die bisherigen Erfahrungen sprächen dafür. Solche Projekte könnten auch von großen Organisationen wie dem Welternährungsprogramm oder dem türkischen Halbmond fortgeführt werden.

Doch die Aussicht auf noch mehr Geld begeistert Kessler nicht gerade. "Projekte können ja nicht einfach dupliziert werden", sagt er. Wenn der politische Druck groß sei, die Mittel schnell einzusetzen, hätten Projekte nicht die nötige Qualität. Die Ausbildung neuer Mitarbeiter brauche einfach Zeit.