Vielleicht merken es die Journalisten in den USA langsam: "Donald Trump bedroht das Wohlergehen von Millionen von Menschen, stellt die Grundpfeiler unserer Demokratie infrage, bedient die hässlichsten Impulse der Gesellschaft – und wir, die Medien, schreiben darüber, als sei es die jüngste Folge von House of Cards", wetterte der Medienkritiker Bob Garfield kürzlich. Die Presse zögere doch auch nicht, wenn es darum gehe, Amerika vor schlechtem Fleisch oder einem Schneesturm zu warnen. "Warum verdammt nochmal sind wir jetzt nicht in Alarmbereitschaft?"

Ebendiese Medien hatten in der vergangenen Woche wieder einmal ganz direkt die Angriffe des voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner abbekommen. 40 Minuten dauerte die Pressekonferenz in der Lobby des Trump Towers und den Großteil davon verbrachte Trump damit, die Leute zu beleidigen, die er eingeladen hatte. "Die Journalisten sollten sich schämen", polterte er. Die Presse sei "widerlich" und "unehrlich", und der ABC-Reporter Tom Llamas "ein schmieriger Typ". Ist das der Ton eines künftigen Präsidenten? Trotz der Breitseite feierten viele Beobachter – vor allem die Presse selbst – die Konferenz anschließend als Etappensieg der Medien.

Das mag am Anlass gelegen haben: Zweifel an einer Spendenveranstaltung, die Trump im Januar organisiert hatte, anstatt an der vom Sender Fox ausgetragenen Fernsehdebatte teilzunehmen. Sechs Millionen Dollar wollte er gesammelt haben, doch Journalisten der Washington Post kamen bei ihren Nachforschungen auf deutlich weniger. Sie drängten so lange, bis Trump sich genötigt sah, die Rechnung bei der Pressekonferenz Punkt für Punkt öffentlich vorzulesen. Dank einer kurzfristigen großzügigen Spende von Trump selbst stimmte der Betrag am Ende fast. Dennoch: "Die Presse hat vorbildlich gehandelt", urteilte das Magazin Slate und war damit nicht allein. Trotz aller Beleidigungen, Trump habe schließlich endlich einmal Beweise vorlegen und Erklärungen geben müssen, hieß es überall.

"Wir liefern ihm den Sauerstoff"

Darüber muss man sich wohl freuen, denn bislang lief es Berichterstattung bestens für Trump: Dem Präsidentenanwärter wurden im laufenden Wahlkampf derart viele Einspieler, Artikel und Zitate gewidmet, dass es ihn zwei Milliarden Dollar gekostet hätte, wenn er die entsprechende Sendezeit hätte kaufen müssen. Häufig sind die Beleidigungen, Angriffe und Unwahrheiten dabei unwidersprochen hingenommen oder bestenfalls belächelt worden. "Wir liefern ihm den Sauerstoff für jeden seiner Ausbrüche", schrieb Medienkritiker Garfield in der Huffington Post. Trump habe jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit den Medien, vor allem dank seines intimen Verhältnisses zu den Boulevardblättern in den Achtzigern, sagt Todd Gitlin, Professor an der Columbia Journalism School. Fast täglich hatte der New Yorker Baulöwe damals bei den Reportern angerufen, um mit seinen Frauengeschichten zu prahlen oder Beleidigungen in alle Richtungen auszuteilen.

Tun die Reporter nicht, was er will, straft er sie ab – auch heute noch. Als der einflussreiche hispanoamerikanische Journalist Jorge Ramos bei einer Pressekonferenz im vergangenen Sommer auf die Beantwortung einer Frage zur Einwanderung bestand, ließ Trump ihn kurzerhand aus dem Saal entfernen. Und als die Fox-Journalistin Megyn Kelly ihn während einer Fernsehdebatte in die Ecke drängte, attackierte er sie anschließend tagelang und deutete in einem Interview an, ihre Periode mache sie offenbar angriffslustig. Die nächste von Fox geplante Debatte sagte er aus Protest ab. Erst kürzlich trafen sich Trump und Kelly dann zu einem versöhnlichen Interview zu bester Sendezeit. Dieses Mal vermied Kelly es, den Kandidaten mit unbequemen Fragen unnötig aufzuregen. Auf Nummer sicher gehen kann man auch anders: Einige Reporter besuchen inzwischen gar Trainingscamps für Kriegsberichterstatter, um sich auf Trumps hitzige Wahlkampfveranstaltungen vorzubereiten.

Aber abgesehen von der Gefahr für Leib und Leben, die erregte Menschenmengen bedeuten können: Woher kommt die Vorsicht im Umgang mit Trump? Ein Grund ist sich das seit Jahrzehnten angeschlagene Selbstbewusstsein der US-amerikanischen Medien. Denn vor allem von der politischen Rechten kommt immer wieder der Vorwurf, die liberale Presse habe sich gegen die Republikaner verschworen. Sarah Palin, immerhin einst selbst als Vizepräsidentin im Gespräch, wettert bei jeder Gelegenheit gegen die lamestream media. Konservative Medien wie Fox oder Breitbart vermarkten sich ganz bewusst als überfälliges Gegengewicht zum vermeintlich liberalen Mainstream. Schon seit Reagan tue die Presse in den USA deshalb alles, um fair zu erscheinen, erklärt Todd Gitlin. Viele von ihnen seien tatsächlich Demokraten mit Leib und Seele und wollten deshalb das Risiko minimieren, als parteiisch zu erscheinen. "Für einen Journalisten gibt es schließlich keinen schlimmeren Vorwurf", sagt Gitlin. Und Trump nutze das eiskalt aus.