Egal, wer am 8. November die Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten gewinnt – verloren hat schon heute die Republikanische Partei. Wie gelähmt steht die stolze Partei Abraham Lincolns am Abgrund und wartet darauf, vom eigenen Kandidaten in die Tiefe gestürzt zu werden.

Die Republikaner treten mit einem Mann an, der sie seine Verachtung hohnlachend spüren lässt. Der kein Maß kennt und keinen Anstand. Ihn, das Großmaul Donald Trump, werden sie bei ihrem Parteitag vom 18. bis 21. Juli in Cleveland offiziell zum Kandidaten küren. Die Schmach könnte größer nicht sein.

Denn zumindest in der Parteiführung wissen viele, dass sie für einen Mann in den Kampf ziehen, den sie eigentlich mit aller Kraft vom Weißen Haus fernhalten müssten. Dies würde ihnen die Verantwortung für das Land gebieten.

Doch Paul Ryan, der Sprecher des Repräsentantenhauses, der hoch angesehene Senator John McCain und viele andere haben seinem Aufstieg hilflos und tatenlos zugesehen. Die Parteiführung hat gebarmt, aber nicht das getan, was zu Beginn des Vorwahlkampfes das einzig Richtige gewesen wäre: Trumps Namen von der Kandidatenliste zu streichen. Hätte er doch als Unabhängiger ins Rennen gehen sollen.

Der "moralische Bankrott" der Republikaner (Thomas Friedman in der New York Times) dürfte in einer verheerenden Wahlniederlage gegen Hillary Clinton enden. Von Tag zu Tag mehr offenbart sich Trumps charakterliche Unzulänglichkeit. Selbst zu den 49 Toten von Orlando fiel ihm nichts anderes ein, als "Glückwünsche" zu seinen frühen Warnungen vor extremistischen Moslems einzufordern.

Zuvor hatte er einem Richter mexikanischer Abstammung die Fähigkeit abgesprochen, objektiv Recht zu sprechen in einem Fall, bei dem es um die Trump University ging. Paul Ryan nannte dies "Rassismus wie aus dem Lehrbuch" – aber seine Unterstützung für Trump zog er nicht zurück. Trump will Muslimen die Einreise in die USA verbieten, will eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten, will notfalls Familienmitglieder von Terroristen töten. Er verspricht "Deals" mit Wladimir Putin, den er für einen ebenso starken Mann hält wie sich selbst. Es ist zum Grausen.

Bedrohung der Demokratie

Wenn die Republikaner also am 8. November untergehen, dann sollen sie sich nicht beklagen. Sie haben sich den Aktivisten der reaktionären Tea Party ergeben und mit ihrer Obstruktion im Kongress wollten sie die Arbeit der Regierung Obama lahmlegen. Nun ernten sie die Früchte des Zorns.

Die Republikaner seien der "Brutkasten" für eine "nie gekannte Bedrohung unserer Demokratie", schrieb der konservative Intellektuelle Robert Kagan im Spiegel. "Trump hat die Partei, die ihn hervorgebracht hat, längst hinter sich gelassen. Seine wachsende Armee von Unterstützern interessiert sich überhaupt nicht mehr für die Partei."

Bei den Besonnenen unter den Republikanern, die es ja gibt, ducken sich die meisten weg, weil sie auf einen Job in der nächsten Regierung schielen, weil sie um ihren Sitz im Senat oder im Repräsentantenhaus fürchten.

Liebe zum Land, statt Hass auf Hillary

Einer immerhin, der sehr konservative Senator Lindsey Graham, hat jüngst gesagt, die Zeit könne kommen, da "die Liebe zum Land über den Hass auf Hillary siegen" müsse. Ist etwa bei den Republikanern ein später Aufstand der Anständigen zu erwarten? Wohl nicht. Wahrscheinlicher ist, dass die Partei in Cleveland der populistischen Versuchung erliegt.

Denjenigen in ihren Reihen, die das Schicksal der mächtigsten Nation der Erde nicht in die Hände Donald Trumps legen wollen, bleibt dann nur noch, für seine Gegenkandidatin zu stimmen. "Republikaner für Hillary", das wäre die Ehrenrettung für eine Partei, in der – Abraham Lincoln sei es geklagt – der Wahnsinn galoppiert.