Diese Nacht hat Europa verändert. Sie ist ein Ende und ein Anfang, eine historische Zäsur. Das Wort ist nicht zu groß, denn hinter die Entscheidung der britischen Wähler, die Europäische Union zu verlassen, führt kein Weg zurück. Das politische Europa, das an diesem Freitag erwacht, ist ein anderes als das, das es noch gestern Abend war. 

Es ist allerdings viel einfacher zu sagen, was zu Ende geht, als die neue Etappe abzuschätzen, die nun beginnt. Markiert der Brexit den Anfang vom Ende der EU, wie wir sie kannten? Oder besinnen sich die 27 Länder, die übrig bleiben, endlich auf ihre Stärken und auf eine neue Gemeinschaft?

Bislang kannte die Entwicklung der europäischen Integration nur eine Richtung. Die Gemeinschaft wurde immer größer, die Zusammenarbeit immer enger. Fast 60 Jahre nach ihrer Gründung hat zum ersten Mal ein Land entschieden, diese Richtung umzudrehen und die Gemeinschaft zu verlassen. Aus 28 werden 27 Mitgliedsländer werden, das heißt: Das, was bislang unmöglich schien, ist möglich geworden. Der Austritt ist fortan eine Option.

Andere Politiker in anderen Ländern der EU haben bereits angekündigt, dem britischen Beispiel folgen und die Bürger ebenfalls über einen Austritt aus der Union abstimmen lassen zu wollen. Geert Wilders in den Niederlanden etwa gehört dazu oder Marine Le Pen in Frankreich. Niemand wird ihre Ankündigungen fortan unterschätzen. Die Briten haben zwar seit jeher eine Sonderrolle in der Union gespielt. Und Camerons Entscheidung für ein Referendum hatte mindestens so viel mit dem desaströsen Zustand der britischen Konservativen zu tun wie mit dem Zustand der EU. Trotzdem wäre es fatal, den Brexit als eine britische Marotte abzutun. 

Das ist die erste und vielleicht wichtigste Lehre, die die Verantwortlichen in der EU aus dem britischen Debakel ziehen müssen. Es reicht fortan nicht mehr, auf die Erfolge der Vergangenheit, auf Frieden und Wohlstand, zu verweisen und sich auf die Unterstützung der Bürger für die Union zu verlassen. Die europäische Integration bedarf einer neuen, ernsthaften Begründung. 

Angstmacher nicht mit Angsthaben bekämpfen

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Brexit – und jetzt?

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Das Pfund taucht ab

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Möglich, aber unwahrscheinlich

Das wäre ein starkes Signal, könnte aber als neuer deutsch-französischer Führungsanspruch verstanden werden.

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Der britische Premier hat vorgeführt, wie diese Begründung nicht aussehen kann. Camerons  Kampagne ist gescheitert, obwohl er und mit ihm viele Experten immer wieder vor allem auf die wirtschaftlichen Gefahren aufmerksam gemacht haben, die mit einem Brexit verbunden sind. Dass diese Gefahren real sind, zeigen die ersten Reaktionen an den Finanzmärkten. Trotzdem hat sich eine Mehrheit der Briten nicht davon abhalten lassen, gegen den Verbleib in der EU zu stimmen. Der Frust war offensichtlich größer als die Angst – in dieser Erkenntnis verbirgt sich eine zweite wichtige Lehre.

Wenn das einzige Argument, das für die EU übrig bleibt, darin besteht, dass ohne die EU alles noch schlechter wird, hat Europa verloren. Auf Angst lässt kein dauerhaftes Miteinander gründen. 

Die europäische Politik muss sich deshalb, drittens, dringend aus dem Klammergriff der Populisten und EU-Gegner befreien. Der Brexit ist nicht zuletzt ein Triumph für Nigel Farage, den Chef der Britischen Unabhängigkeitpartei (Ukip). Ihm ist es gelungen, erst die britische Regierung und schließlich die gesamte europäische Politik vor sich herzutreiben. Dabei unterstützt bislang nur ein kleiner Teil der britischen Wähler Farage und seine Partei. Ähnlich ist es in vielen anderen europäischen Ländern. Nirgendwo stellen die Populisten eine Mehrheit. Trotzdem ist es ihnen mehr und mehr gelungen, die politische Debatte zu dominieren.

Farage, Le Pen und andere Rechtspopulisten leben von der Angst, die sie aufgreifen und schüren. Aber Angstmacher kann man nicht mit Angsthaben bekämpfen. Was die EU jetzt mehr braucht als alles andere, ist Zuversicht. Der Kampf um die Zukunft Europas hat heute begonnen.