Sechs Tage nach dem Brexit-Votum in Großbritannien sind am Mittwoch in Brüssel die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union zusammengekommen – erstmals ohne britische Beteiligung. Während es mit den Briten keine Verhandlungen geben soll, bis die Regierung in London den Austrittsprozess offiziell eingeleitet hat, wollen die anderen 27 EU-Mitgliedstaaten bei dem Treffen eine gemeinsame Strategie erarbeiten.

Nach Angaben aus diplomatischen Kreisen soll bei dem Treffen ein Zeitplan für das weitere Vorgehen erstellt werden. Eine Wegmarke steht schon fest: Im September soll es im slowakischen Bratislava einen informellen Sondergipfel geben – wieder ohne die Briten.

Bei den Gesprächen soll es laut EU-Ratspräsident Donald Tusk auch grundsätzlicher um die Zukunft der EU gehen. "Es sind nicht nur die britischen Wähler, die Zweifel an der europäischen Zusammenarbeit haben. Es gibt in vielen anderen EU-Ländern Skepsis", sagte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte. Ähnlich äußerte sich Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn. Referenden in anderen EU-Staaten könnten zu ähnlichen Ergebnissen führen wie in Großbritannien, sagte Asselborn der ARD. Dem müsse mit mehr sozialer Gerechtigkeit in Europa entgegengewirkt werden. Die Menschen seien nicht gegen die EU, sondern gegen das derzeitige politische Europa.

Für den Mittwochmorgen war neben dem Treffen der Staats- und Regierungschefs auch eine Zusammenkunft von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon geplant. "Schottland ist entschlossen, in der Europäischen Union zu bleiben", sagte Sturgeon. In Schottland hat sich eine Mehrheit beim EU-Referendum für einen Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen. Sie wird am Nachmittag auch Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker treffen.

"Keine Zeit für Wunschdenken"

Der erste Teil des Gipfels hatte noch unter Beteiligung von Großbritanniens scheidendem Premier David Cameron stattgefunden. In der Debatte hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erneut eindeutig zum Brexit positioniert. "Das Referendum steht da als Realität", sagte Merkel. "Ich will ganz offen sagen, dass ich keinen Weg sehe, dies wieder umzukehren." Es sei keine Zeit für Wunschdenken.

Frankreichs Präsident François Hollande machte klar, dass Großbritannien sich nicht nur die Rosinen herauspicken könne. Man könne nicht den freien Kapital-, Waren- und Dienstleistungsverkehr in Anspruch nehmen und die Personenfreizügigkeit einschränken, sagte Hollande. "So läuft das nicht. Es sind die vier Freiheiten oder keine." Merkel sagte, wer die EU-Familie verlassen wolle, könne nicht erwarten, keine Pflichten mehr zu haben, aber die Privilegien zu behalten.

Die EU-Partner forderten den britischen Premier David Cameron auf, so schnell wie möglich Klarheit über das weitere Vorgehen zu schaffen. "Wir haben nicht Monate Zeit zum Nachdenken", sagte EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker.

Cameron selbst zog nach der Debatte eine positive Bilanz. Er bezeichnete den ersten Tag des Gipfels als ein "positives, konstruktives, ruhiges und zielgerichtetes Treffen". Er entschuldigte sich für das Ergebnis des Brexit-Referendums. Dass er die Abstimmung zugelassen habe, bereue er nicht, das Ergebnis tue ihm jedoch leid. Nun sei er mehr über das zukünftige Verhältnis seines Landes zur EU besorgt.