Er ist angeblich der ewig lachende Dritte. Wenn sich jemand über das Brexit-Votum der Briten freuen dürfte, dann Russlands Präsident Wladimir Putin, heißt es. Vor dem Referendum nannte der britische Premier David Cameron den russischen Staatschef in einem Atemzug mit Abu Bakr al-Baghdadi, dem Anführer der Terrororganisation IS, als jene, die froh über einen Brexit wären. Noch direkter formulierte es der britische Außenminister Philip Hammond: "Das einzige Land, welches will, dass wir die EU verlassen, ist Russland." Als das Ergebnis dann am Freitag feststand, bekräftigen etliche Beobachter in Deutschland und den USA diese Sichtweise, darunter etwa ehemalige US-Botschafter in Russland Michael McFaul.

Das scheint auf den ersten Blick auch logisch. London ist wohl die Hauptstadt in Westeuropa, in der Putin und seine Politik am kritischsten beäugt werden. Die Beziehungen zwischen Moskau und London sind seit Jahren auf einem Tiefstand. Und so haben russische Staatsmedien in den Wochen vorher über den möglichen Brexit berichtet, Rechtspopulisten zu edlen Rittern stilisiert und dankbar das Mikrofon hingehalten, wenn vermeintlich einfache Briten über die EU geschimpft haben.

Umso überraschender wirkt die demonstrative Stille aus Moskau. Jetzt, wo Putin nach Meinung vieler seiner Kritiker im Westen eigentlich Freudentänze aufführen müsste.

Die Brexit-Nachricht erreichte den russischen Präsidenten in Taschkent, auf dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Ein asiatischer Freundeskreis, in dem Putin sich wohlfühlt und in dem er sich wohl keine Kritik an seiner aggressiven Außenpolitik anhören muss. Die Abstimmung, sagte Putin diplomatisch, sei eine innere Angelegenheit Großbritanniens. Dennoch: "Allein die Organisation eines Referendums ist nichts anderes als Oberflächlichkeit in Bezug auf solche schicksalhafte Entscheidungen für ganz Europa und das eigene Land seitens der britischen Regierung", kritisierte Putin.

Auch die sonst so schadenfreudigen russischen Medien schalteten bereits am Tag der Abstimmung einen Gang zurück. Wer sich in den sonntäglichen Abendnachrichten im staatlichen Ersten Kanal über das Ereignis der Woche informierte, bekam folgende Information präsentiert: Gegen die EU hätten vor allem die wenig Gebildeten und wenig Wohlhabenden gestimmt. Brexit-Befürworter Boris Johnson sei zwar kein einfacher Populist, wie ihn seine Gegner titulierten, dennoch sei das halbe Königreich wütend auf ihn. Wenige Minuten später sagte die Nachrichtensprecherin dann: Putin möge westlichen Medien allmächtig erscheinen, der Brexit nütze Russland aber beim besten Willen nicht.

Die russische Wirtschaft ist nicht erfreut

Am Montag folgte die Regierungszeitung Rossijskaja Gazeta, die den Ökonom Ewsej Gurwitsch zitiert, laut dem der Brexit negative Folgen für Russlands Wirtschaft hätte. Ähnlich kommentierte Premierminister Dmitri Medwedew. "Wir sind natürlich nicht sehr erfreut, schließlich bedeute das zusätzliche Risiken für unsere Wirtschaft."

"Der Versuch, Putin in Verbindung mit dem Brexit zu bringen, ist  lächerlich", sagte der außenpolitische Kommentator Fjodor Lukjanow, Chefredakteur von Russia in Global Affairs, ZEIT ONLINE. Allerdings gibt er zu, dass Putin und die russische Führung keinen Grund hätten, einen Austritt Großbritanniens zu bedauern, schließlich wäre das in Brüssel eine Stimme weniger für eine härtere Politik gegenüber Moskau. Doch die Suche nach äußeren Schuldigen sei eigentlich eine sowjetische und russische Angewohnheit. "Trotzdem ist es noch schwierig eine Bilanz zu ziehen, ob Russland von dieser Situation profitieren kann", sagt Lukjanow. Schließlich sei völlig unklar, wie die EU aus der aktuellen Krise hervorgehen werden.

Außenpolitiker, die sicher nicht zu Putins Kritikern gehören, sehen sowohl negative als auch potenziell positive Effekte eines Brexit für Russland. Konstantin Kossatschow, Vorsitzender des Komitees für Außenpolitik im Russischen Föderationsrat, dem Oberhaus des Parlaments, hofft einerseits darauf, dass die EU nun einen Reformprozess beginnt, der die Union "weniger politisiert" werden lässt, was bessere Beziehungen zwischen Russland und Europa ermöglichen werde. Gleichzeitig gebe es auch negative Auswirkungen. "Jegliche Turbulenzen bei einem solch wichtigen Handelspartner werden sich negativ auf unsere Wirtschaft auswirken", sagte Kossatschow, Mitglied der Kremlpartei Einiges Russland, der regierungsnahen Zeitung Izwestija.

Wichtigster Handelspartner EU

Die Wirtschaft ist es also, die dafür sorgt, dass selbst denen in der russischen Staatsführung, die sich politisch über den Brexit freuen wollen, das Lachen im Halse stecken bleibt. Trotz der Sanktionen ist die EU mit 44,5 Prozent Anteil am Außenhandel Russlands wichtigster internationaler Partner geblieben. Kein Wunder, dass die russische Aktienindex RTS am Freitag um knapp fünf Prozent abstürzte, während der Rubel nicht zum Dollar, sondern auch zum Euro etwas an Wert verlor. Elwira Nabiullina, die Chefin der russischen Zentralbank, sagte am Dienstag, die langfristigen Folgen das Referendums für Russland hingen von den genauen Umständen des britischen Austritts ab.

"Europas Wirtschaft würde künftig mehr Rohstoffe brauchen, hätten die Briten anders gestimmt", sagt Ökonom Gurwitsch. Zusätzliche Turbulenzen an den Märkten könnten darüber hinaus den Kapitalabfluss aus riskanteren russischen Anlagen beschleunigen. Insgesamt stünden für Russland bis zu 0,2 Prozent Wachstum auf dem Spiel. 

All das ist mit Sicherheit kein Grund zur Freude, schließlich steckt das Land seit zwei Jahren in einer Rezession. Nachdem sich der Ölpreis seit Jahresbeginn etwas erholt hatte, zeichnete sich auch in der Wirtschaft eine sehr langsame Erholung ab. Im Mai lag das BIP-Minus nur noch bei 0,8 Prozent zum Vorjahr. Neue Probleme sind derzeit das Letzte, was sich Russlands Machthaber wünschen.