Wenn der Politikwissenschaftler Ivan Krastev in diesen Tagen beschreiben soll, wie es Europa so geht, beginnt er mit einem alten jüdischen Witz. Ein Mann schreibt seiner Frau ein Telegramm, der Natur nach knapp gehalten: "Start Worrying. Details to follow." Europa, fang schon mal an, Dir Sorgen zu machen. Details folgen später.

Das ungefähr war die Stimmung in den Tagen vor der Brexit-Abstimmung an diesem Donnerstag: eine existenzielle, aber diffuse Verunsicherung angesichts der Zukunft der EU und Europas. Es geschieht gerade etwas, das es der europäischen Idee nach eigentlich nicht geben kann: Desintegration im Integrationsprojekt. Sollten sich die Briten tatsächlich für einen EU-Austritt entscheiden, wäre nur das deutlichste Symptom dieses Prozesses.

Wie wenig die EU darauf vorbereitet ist, lässt sich an den vielen besorgten Appellen erkennen, mit denen Pro-EU-Politiker und Medien die Briten beschwören, zu bleiben. Es sind Beschwörungen, weil die europäische Einigung immer eine Beschwörung war. Dass nur ein Zusammenwachsen die europäischen Staaten vor der Kriegshölle rette, das war die Formel, die den Geist der europäischen Einigung ja erst herbeigerufen hat. Für diesen Geist hat man die monolithischen EU-Gebäude in Brüssel und Straßburg gebaut.

In einer solchen Glaubensgemeinschaft der Integration gilt das offene Reden über Desintegration fast als Blasphemie. Deshalb ist die EU so unvorbereitet und deshalb sind Menschen wie der Bulgare Krastev umso wichtiger. Denn als Europa noch gar nicht richtig angefangen hatte, sich Sorgen zu machen, dachten Krastev und einige andere schon darüber nach, wie ein Zerfall im Detail aussehen könnte.

Lernen am historischen Beispiel

Es gibt ja genügend historische Beispiele für den Untergang von Staatengebilden. Krastev hat den Zerfall der Sowjetunion studiert und den Jugoslawiens. Auch wenn beide Fälle ganz anders gelagert sind als die gegenwärtige Krise der EU, lässt sich aus ihnen einiges lernen, findet Krastev, vor allem vom sowjetischen Beispiel.

Erstens: Der Zerfall ist nicht vorhersehbar. Noch im Dezember 1990 versammelten sich im Pentagon namhafte Sowjetexperten und diskutierten, wie wahrscheinlich es sei, dass das Moskauer Imperium zerfallen würde. Ihre Antwort: 30 Prozent. Eine Jahr später war die Sowjetunion Geschichte.

Zweitens: In der Peripherie mag der Zerfall beginnen, entscheidend ist das Zentrum. Die Sowjetunion wurde nicht aus Warschau oder Prag gestürzt, sondern aus Moskau. Die EU wird nicht in Griechenland oder Ungarn untergehen, sondern wenn dann in Berlin. Denn nur das Zentrum kann das Geld und den Willen entziehen, die alles zusammenhalten.

Drittens: Der Zerfall braucht keine politische Mehrheit, er geschieht einfach. "Die Logik ist die eines Bankensturms", sagt Krastev. Eine kleine, aber relevante Gruppe von Pessimisten entzieht der Gemeinschaft ihr Vertrauen und verändert so die Kalkulation der anderen: Plötzlich lohnt es sich auch für sie, gegen das Ganze zu wetten. Das ist nicht etwa unsolidarisch, sondern aus ihrer Sicht vernünftig.

Großbritannien - Was passiert nach dem Brexit? Einer jüngsten Umfrage unter EU-Bürgern zufolge wünscht sich eine Mehrheit von 54 Prozent, dass Großbritannien in der EU bleibt. Was würde passieren, falls die Briten am 23. Juni tatsächlich für den Austritt aus der EU stimmen?