Nun ficht die FPÖ das Ergebnis der österreichischen Bundespräsidentenwahl also tatsächlich an. Ein wenig gespielte Aufregung gehört für die Rechtspopulisten schon lange zum Standardrepertoire. Mal ist es der parteiische Staatsfunk, mal die Willkommenskultur, mal das Ausland im Allgemeinen – alle wollen der Partei Böses antun. In ihrer jüngsten Anlassempörung sieht die FPÖ gar das "heilige demokratische Wahlrecht" in Gefahr, wie Parteichef Heinz-Christian Strache schon vor der Anfechtung wetterte, oder gleich die "Grundfesten der Demokratie", wie er jetzt formulierte.

Insbesondere bei den Briefwahlergebnissen, die das Resultat der Bundespräsidentenwahl in Österreich drehten, ortet Strache Unregelmäßigkeiten. Und die sollen weit mehr als jene gut 30.000 Stimmen betreffen, die Alexander Van der Bellen in der Stichwahl am 22. Mai schlussendlich vor dem FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer lag. Das ist wichtig, denn nur wenn für den Verfassungsgerichtshof nachgewiesen ist, dass die dokumentierten Probleme und Verstöße Einfluss auf das Wahlergebnis hatten, wird sich die Anfechtung auswirken. Möglicherweise wird das Ergebnis – ohne damit etwas am Sieg Van der Bellens zu ändern – einfach korrigiert. Unter Umständen kommt es zu einer Wiederholung der Stimmauszählung oder der Wahl selbst – aber immer nur dort, wo eine Rechtswidrigkeit erwiesen ist. Dass damit am Ende doch Hofer gewinnen könnte, gilt als nahezu ausgeschlossen. Und Strache besteht ja auch darauf: "Wir sind keine schlechten Verlierer."

Trotzdem ist die Nachricht, die mit der Anfechtung unter Volk gebracht wird: Der Sieg ist uns gestohlen worden. "Ohne diese Pannen hätte Hofer Präsident werden können", auch das sagt Strache. Die Rechtspopulisten könnten es eigentlich besser wissen. Robert Stein, Leiter der österreichischen Wahlbehörde, betont: "Vertreter von allen Parteien, haben in allen Stimmbezirken mitgewirkt, mitgerechnet und unterschrieben. Die Zahlen wurden so nach oben berichtet. Diese Vorwürfe sind Mystifikationen."

"Als könnten die Leute ihr Wahlrecht nicht schützen"

Das höhere Ziel dürfte sein, die Briefwahl in Verruf zu bringen. Schon lange ist sie der FPÖ ein Dorn im Auge. Denn dabei schneidet sie schlecht ab. Jene Österreicher, die per Post abstimmen, liebäugeln eher mit anderen Parteien. Fast 62 Prozent votierten bei der Bundespräsidentenwahl für Van der Bellen. Also fordern die Rechtspopulisten nun gleich die völlige Abschaffung der Briefwahl. Das vorgeschobene Argument: Eine geheime Wahl sei damit nicht sichergestellt.

"In mehr als 100 Ländern der Welt gibt es die Briefwahl. Und ausgerechnet in Österreich soll es ein Problem sein?", ärgert sich der Politologe Klaus Poier von der Universität Graz, weil durch diese Debatte die Mündigkeit der Bürger infrage gestellt werde. "Das ist fast eine elitäre Überheblichkeit. Man tut so, als könnten die Leute ihr Wahlrecht nicht schützen." Über Details lasse sich immer diskutieren. Aber um sicherzustellen, dass alle Österreicher, egal, wo auf der Welt sie leben, ihr Wahlrecht auch ausüben können, "wird man hinnehmen müssen, dass der staatliche Schutz der geheimen Stimmabgabe bei der Briefwahl gelockert ist".

Spekulationen über Wahlmanipulationen als "Dolchstoßlegende"

Wahlleiter Stein sieht ebenso keinen echten Reformbedarf. Die kursierenden Spekulationen über Wahlmanipulationen seien eine "Dolchstoßlegende", sagt er. "Aus Dingen, die zwar von der Optik her nicht schön sind, die aber keinen Einfluss auf das Ergebnis haben, wie etwa die Fehlveröffentlichung in Linz, werden diese Gerüchte konstruiert."

Dem Vorschlag, dass man seine Stimme künftig nur noch in Botschaften oder Konsulaten abgeben können soll, kann Stein nichts abgewinnen. "Die Briefwahl ist ein verfassungsgemäß gewährleistetes Recht, auf das auch die Auslandsösterreicher Anspruch haben. Und die meisten von ihnen wohnen weit weg von Konsulaten oder Botschaften."

Mehr Restriktionen in Zeiten sinkender Wahlbeteiligung? Vielleicht wäre das Gegenteil eher zielführend. In der Schweiz bekommt jeder Wahlberechtigte seinen Stimmzettel nach Hause geschickt und kann entscheiden, ob er sich damit am Wahltag auf den Weg zur Abstimmung macht oder ihn per Post einschickt. Politologe Poier kann der Idee einiges abgewinnen. "Wenn man eine größere Reform angehen möchte, dann sollte das eine Öffnung und keine Einschränkung sein", sagt er.

Am Ende schneide sich die FPÖ mit ihrer Forderung selbst ins Fleisch, erklärt Poier. Wenn die Partei bei der Briefwahl besser abschneiden wolle, dann müsse sie diese so einfach wie möglich gestalten, "damit sie nicht nur von einer Bildungselite in Anspruch genommen wird, die eher wenig FPÖ wählt".