Ein Argument fehlt noch in der Brexit-Debatte, die heute endet: Sollten die Briten im Laufe dieses Tages mit Ja stimmen, würde sie sich damit zu den mächtigsten Europäern der Gegenwart machen. Ausgerechnet sie wären, kaum zu glauben, die erste Nation, die nach der Europäischen Union gefragt worden wäre und sie umarmt hätte. Sie sagten zwar 1975 schon einmal Ja, zur EG, aber die war weit entfernt von einer politischen Union. Wann immer europäische Völker abstimmen durften, ob sie mehr Integration wollten, haben sie dies abgelehnt: bei den Referenden über die Europäische Verfassung 2005 in Frankreich und den Niederlanden und bei dem über den Lissabon-Vertrag (dieselbe Sache, anderer Name) in Irland 2008.

Sicher, bei diesen anderen Abstimmungen ging es nicht um eine Alles-oder-nichts-Frage. Trotzdem. Nie zuvor hat eine Bevölkerung der EU eine basisdemokratische Legitimation erteilt, wie die Briten es heute könnten, oder, präziser gewendet: Noch nie hätte sich eine Nation ein solches Mandat verschafft, die EU umzugestalten. Die Briten haben heute gegenüber Brüssel eine einmalige Chance, sie zu ihrem Projekt zu machen.

Es gibt Gelegenheit zur Demut

Die Integrationisten auf dem Kontinent sollten nur nicht den Fehler begehen, ein Ja als ein Ja zur EU, wie sie ist, zu deuten. Ein Ja wäre ein Ja für eine andere EU, für eine aufs Wesentliche konzentrierte Union, wie sie der britische Premier David Cameron vorgeschlagen hat. Für die Junckers und Schulzes und Broks und Verhofstadts wäre es kein Tag zum Jubeln, sondern eine Gelegenheit zur Demut. Die Ideologen einer "immer tieferen Union" haben die Warnschüsse der Vergangenheit ignoriert. Verdrängten sie auch jetzt das Signal, das in einem britischen Yes steckte, beförderten sie in Wahrheit nichts anderes als eine immer tiefere Krise.

Die aufgebrochene Grundsatzkritik am Demokratiedefizit Europas und an einer Bürokratie, die das Große zu klein und das Kleine zu groß regelt, lässt sich nicht mehr ersticken, weder in Großbritannien noch in Frankreich noch in Osteuropa noch in Deutschland. Die Hoffnung kann nur noch lauten, diese Kritik in konstruktive Kanäle und in Veränderung umzuleiten, bevor sie sich in reine Abrisslust verwandelt. Nicht nur in Großbritannien besteht der Populismus der EU-Gegner wie Boris Johnson oder Nigel Farage darin, eine Karikatur von Europa zu zeichnen, um diese dann zum Abschuss durch die Volksfront freizugeben. Das mag ganz amüsant sein. Aber politisch und intellektuell ist es erbärmlich.

Kritik an der EU wurde immer abstempelt

Umgekehrt haben sogenannte überzeugte Europäer immer wieder eine Illusion von der EU genährt, die berechtigte Kritik an deren Funktionsweise als kleingeistig und visionsvergessen abstempelte. Die ever closer union war ohne Zweifel eine gute Idee, solange Europa über nur schwache Bindungskraft verfügte. Mittlerweile ist diese Idee zum Fanatismus einer Minderheit geworden, die tragischerweise eben diese Bindungskraft gefährdet.

Europa könnte ab morgen früh die Chance für einen Reset haben wie zuletzt 1945. Damals weigerte sich Großbritannien – ohne das es eine Befreiung des Kontinents von der Nazi-Herrschaft nicht gegeben hätte –, die politische Führung in der Nachkriegszeit zu übernehmen. Winston Churchill wünschte sich zwar ein starkes Europa, aber eines mit Großbritannien in der Zuschauerrolle. David Cameron bekommt jetzt womöglich die Chance, vom Bystander zum Reformator zu werden.

Der große britische Schriftsteller Douglas Adams schrieb einmal, die mächtigste Waffe im Universum sei die See-it-my-way-Kanone. Sie lasse jeden, auf den sie abgefeuert werde, das Problem aus der Sicht des anderen sehen. Gegner, die von ihr getroffen würden, fielen weinend auf die Knie und bäten um Verzeihung. Ab morgen könnten die Briten diese Waffe auf den Kontinent richten. Niemand muss dann auf die Knie fallen und heulen. Dankbar und erleichtert für den nüchternen anderen Blick müssten wir allerdings sein.