Die Vorwahlen in New Jersey hatte sie gerade deutlich gewonnen, als Clinton um kurz vor 22.30 Uhr zu ihren Unterstützern in Brooklyn sprach. "Wir stehen gerade unter einem Glasdach. Aber keine Sorge, wir machen dieses hier nicht kaputt", sagte Clinton, als sie die Bühne betrat. Ein Verweis auf die Rede, die sie hielt, als sie 2008 ihre Niederlage gegen Barack Obama eingestand. Damals hatte sie die letzte Barriere nicht durchbrochen, ihr aber "18 Millionen Risse" verpasst. Heute sollte es anders kommen. "Dank euch wird zum ersten Mal eine Frau die Präsidentschaftskandidatin einer großen Partei sein." Es gehe deshalb heute nicht nur um sie, es gehe um ganze Generationen, die Opfer gebracht und gekämpft hätten. "Dieser Abend gehört euch", sagte Clinton.

Fast hatte man ihr diesen Moment schon am Vortag verdorben. Die Nachrichtenagentur Associated Press hatte Clinton am Montag überraschend zur mutmaßlichen Kandidatin der Demokraten ausgerufen – ganz ohne Vorwahlen und offen ersichtlichen Anlass. Die Nachrichtenagentur hatte schlicht noch einmal nachgezählt und dabei festgestellt, dass Clinton nach aktuellem Stand – unter Berücksichtigung aller Delegierten und Superdelegierten – die nötige Stimmenzahl für die Nominierung schon zusammenhat. Die Meldung mischte sich zunächst fast unauffällig unter den täglichen Nachrichtenstrom. "Die Ankündigung hat wenig Konfetti", kommentierte der Radiosender NPR. 

Die Unterstützer ihres innerparteilichen Rivalen Bernie Sanders sahen in der voreiligen Mitteilung ein weiteres Indiz dafür, dass die amerikanischen Mainstream-Medien ihren Kandidaten von vornherein abgeschrieben hatten. Jetzt versuchten sie, seine Wähler dazu zu bringen, am Dienstag gleich ganz zu Hause zu bleiben. Auch viele Journalisten im Land urteilten am nächsten Morgen, der Schritt sei wenig professionell und handwerklich unsauber gewesen. Schließlich könne bis zur tatsächlichen Abstimmung auf dem Parteitag in Philadelphia Ende Juli – zumindest theoretisch – noch viel passieren. Clinton selbst wirkte in einer ersten Reaktion fast peinlich berührt. "Wir fühlen uns geehrt, AP, aber wir haben Vorwahlen zu gewinnen", schrieb das Clinton-Team auf Twitter.

Am Dienstag sah es anders aus. Clinton sprach vor überdimensionierten US-Flaggen und mit Unterstützung eines fast bombastischen Soundtracks. Ein Einspieler zeigte die Meilensteine der Frauenbewegung und machte sie zum Stellvertreter im Kampf für die Rechte für alle. Alles sollte hier sagen: Wir haben es geschafft. Tatsächlich sicherte sich Clinton mit frühen Siegen in New Jersey, New Mexico und South Dakota die nötigen Mehrheiten – an Delegierten und an Stimmen –, um die Nominierung nahezu sicher zu haben. Der große Preis des Abends war da schon fast zur Nebensache geworden: Bis zuletzt hatten beide Lager um jede Stimme in Kalifornien gekämpft, dem bevölkerungsreichsten, demokratischsten und vielschichtigsten Bundesstaat im Land, in dem 475 Delegierte zu verteilen waren. Für Hillary Clinton sollte Kalifornien der deutliche Schlusspunkt werden, der ihre Nominierung noch einmal unterstreicht.

Bernie Sanders dagegen hatte seit Tagen angekündigt, den Schwung eines möglichen Sieges in Kalifornien zu nutzen, um die Stimmung in der Partei und im Land zu seinen Gunsten zu drehen. Der 74-Jährige argumentiert trotz der klaren Zahlen – Clinton hat deutlich über drei Millionen Stimmen mehr als er – noch immer, das Rennen sei erst vorbei, wenn die Delegierten in Philadelphia abgestimmt haben. Sein Team zitiert Umfragen, die ihn im Rennen gegen den Republikaner Donald Trump als den stärkeren Kandidaten sehen, und argumentiert, die Superdelegierten, jene ungebundene Parteielite, sollten deshalb ihre Meinung ändern. Er versprach einen "ereignisreichen Parteitag", auf dem im besten Falle die Abstimmungsregeln gleich ganz geändert werden könnten.

Ein Parteitag für Sanders?

Viele seiner Anhänger dürften demnach auch jetzt nur schwer für die Vorstellung zu begeistern sein, bis November zu Clinton umzuschwenken. Für sie gilt die ehemalige First Lady und Außenministerin als unehrlich, korrupt und machtgierig – eben als das genaue Gegenteil des kauzigen Senators aus Vermont. Über Monate haben sie den Demokraten vorgeworfen, das System mithilfe von Superdelegierten und gewieften Variationen im Wahlvorgang zugunsten Clintons zu verbiegen. Nicht zuletzt deshalb hat die erste Frau mit echten Chancen auf das Weiße Haus historisch niedrige Beliebtheitswerte. Clinton ist für viele eine Entscheidung mit dem Kopf, nicht mit dem Herzen.

Ranghohe Demokraten drängten Sanders in den vergangenen Wochen ganz öffentlich, sich aus dem Rennen zurückzuziehen, um Clinton mit einem parteiinternen Kleinkrieg nicht unnötig zu schwächen. Andere sagen, ein Parteitag könne Sanders-Unterstützern das Gefühl geben, ernst genommen zu werden, und sie letztlich im Kampf gegen Trump mobilisieren.

Clinton selbst dankte Sanders am Abend für seinen Einsatz. Die Debatte mit ihm habe Amerika gutgetan. Doch jetzt will sie endlich nach vorne blicken: "Egal, für wen ihr gestimmt habt, es ist wichtig, dass wir jetzt gemeinsam an einem besseren, stärkeren Amerika arbeiten."

Sanders auf Ausstieg vorbereitet

Es könnte nun ausgerechnet an Barack Obama sein, Amerika für eine Präsidentin Clinton zu erwärmen. Selten genoss ein amtierender Präsident – zumal in der zweiten Legislaturperiode – höhere Beliebtheitswerte. Entsprechend wird er als die entscheidende Geheimwaffe der Demokraten gehandelt, die das Charisma in Clintons Kampagne bringen soll, das ihr bislang fehlt. Nach der Wahl gratulierte er  Clinton schon mal zu ihrem Sieg.

Aus dem Umfeld des Präsidenten war in den vergangenen Tagen immer wieder zu hören, Obama könne es kaum erwarten, Clinton endlich öffentlich zu unterstützen. Schon in dieser Woche, so die Vermutung, könne er seine frühere Außenministerin ganz offiziell zur Wahl empfehlen. In einem Telefongespräch, schrieben mehrere Medien mit Verweis auf Quellen im Weißen Haus, habe er Bernie Sanders schon vor den Wahlen am Dienstag schonend auf den Ausstieg vorbereitet.