ZEIT ONLINE: Herr Hassino, nach dem Massaker in Orlando wird darüber diskutiert, wie und warum Homophobie in muslimischen Ländern verbreitet ist. Was halten Sie von der Debatte?

Mahmoud Hassino: Für mich ist das ein klarer Fall: Der Schütze ist in den USA aufgewachsen, hat legal Waffen besessen und damit ein Massaker angerichtet. Das passiert in den USA immer wieder, und oft sind es auch weiße Schützen, die Blutbäder anrichten. Aber in dem Fall geht es um einen Muslim, der Schwule erschießt – und plötzlich wird die Diskussion ganz anders geführt. Dadurch werden Islamophobie und Ablehnung gegenüber Einwanderern geschürt, und das ist hochproblematisch. Natürlich gibt es Homophobie in arabischen Ländern – genauso, wie es sie in anderen, auch überwiegend christlichen Ländern gibt, in Uganda zum Beispiel. In Ländern wie Syrien hat das mit der Religion aber wenig zu tun.

ZEIT ONLINE: Womit dann?

Hassino: Vor allem mit staatlicher Repression und damit, dass die Religion für Ressentiments benutzt wird. Ich kenne diese beiden Seiten: Ich wurde in Syrien geboren und bin als Kind mit meiner Familie nach Saudi-Arabien gezogen, also dort aufgewachsen.

ZEIT ONLINE: Wie war es in Saudi-Arabien als Junge, der merkt, dass er homosexuell ist?

Hassino: Wir lebten in Medina, der heiligen Stadt, die sehr konservativ ist. Ich habe früh gemerkt, dass ich nicht an Gott glaube. Weil ich nicht religiös bin, habe ich nie unter einem Schuldkomplex gelitten oder mich als "falsch" wahrgenommen. Meine Familienangehörigen sind gläubige Muslime. Sie wissen, dass ich schwul bin und akzeptieren das. Ich habe versucht, es innerlich von mir wegzuhalten, wenn in einigen Moscheen gegen Homosexuelle gehetzt wurde.

Mahmoud Hassino auf dem diesjährigen „Global Media Forum“ der Deutschen Welle in Bonn © Andrea Backhaus

ZEIT ONLINE: Wie begründen diese Prediger ihre Ressentiments?

Hassino: Ultrakonservative Gruppen haben die seltsamsten Vorstellungen vom Islam. Die saudische Variante, der Wahhabismus zum Beispiel, der in viele arabische Länder exportiert wurde. Der Koran selbst sagt nichts direkt über Homosexualität oder homosexuelle Handlungen. Die Bibel ist da viel deutlicher. Aber wie überzeugt man die Massen? Man sucht sich ein paar Stellen heraus und interpretiert sie so, dass jede Diskriminierung möglich wird. Einige Gruppen behaupten einfach: Der Religion zufolge ist nur Heterosexualität normal. Homosexualität entspricht nicht ihren Rollenbildern, die auch an Macht gebunden sind, an eine Ordnung, die von Männern vorgegeben ist. Es ist eine Frage von Geschlechtergerechtigkeit im Allgemeinen. Patriarchalische Vorstellungen gibt es auch bei konservativen Christen oder Juden. Für schwule Christen in Syrien war es etwa noch viel schwieriger als für muslimische, ihre Homosexualität auszuleben.

ZEIT ONLINE: Als Sie älter wurden, wollten Sie weg aus Saudi-Arabien.

Hassino: Mir war klar, dass ich im ultra-konservativen Saudi-Arabien als bekennender Schwuler nie frei leben könnte. Deswegen bin ich mit 18 Jahren zurück nach Aleppo in Syrien gegangen, um dort zu studieren.

ZEIT ONLINE: Und dort konnten Sie freier leben?

Hassino: Nein, gar nicht. Im Syrien der neunziger Jahre gab es eine ganz andere Realität: Es gab keine Freiheiten, für niemanden. Assad kämpfte, um an der Macht zu bleiben. Und schränkte dafür die Zivilgesellschaft massiv ein.

ZEIT ONLINE: Wie war die Lage für Homosexuelle?

Hassino: Im eher konservativen Aleppo war es traditionell schwierig für die Schwulenszene. In Damaskus war es viel besser. Es gab dort einige Cafés und Bars, wo Schwule ihre Homosexualität ausleben konnten. In Damaskus habe ich mich auch von Heterosexuellen nie ausgegrenzt oder diskriminiert gefühlt. Der Staat war schon damals das größte Problem.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Hassino: Das Regime versuchte, die Verbreitung des Internets in Syrien so weit es ging zu verzögern. Damit hoffte es, dass sich Gruppen wie unsere nicht vernetzen konnten. Aber natürlich hat sich das Internet durchgesetzt, und damit ist vieles für uns leichter geworden. Das Regime musste neue Wege finden, um uns einzuschüchtern. Homosexuelle wurden verfolgt und erpresst. Die Geheimpolizei war überall. Sie kannten die einschlägigen Schwulentreffs, es gab dort immer wieder Razzien und Verhaftungen. Sie verlangten von den Schwulen Geld, um sie nicht zu verhaften.

ZEIT ONLINE: Warum sehen die Machthaber Homosexualität als Gefahr?

Hassino: Sie sehen es als Bedrohung der etablierten Ordnung, der Machtverhältnisse. Sie hatten schon immer Angst, dass sich so eine Gruppe organisieren und irgendwann ihre Rechte einfordern könnte. Dass sie stärker werden und die staatlichen Autoritäten herausfordern könnte. Deshalb versuchen sie, diese Gruppen kleinzuhalten, sodass sie erst gar nicht stark werden können. Das war schon immer Assads Methode, um den Einfluss von Menschenrechtsgruppen einzuschränken.