Sie stürmen Hörsäle, stören Theateraufführungen oder klettern auf Dächer: Eine rechtsextreme Gruppierung treibt in Österreich ihr Unwesen. Diese sogenannten Identitären fordern eine Festung Europa, völkische Homogenität und eine Remigration der Flüchtlinge. Morgen, Samstag werden sie durch Wien marschieren. Und wenn ihr Zulauf und ihre Bedeutung stetig steigen, ist das nicht nur ihr Verdienst. Nein, daran tragen auch die Journalisten Schuld.

Denn die Gruppe wäre nicht der Rede wert, wäre ihre Öffentlichkeitsarbeit nicht überaus professionell. Ihre Protagonisten sind dankbare Interviewpartner für Medien in Österreich und darüber hinaus. Man spricht gerne mit ihnen, sie wirken vernünftig und nahbar. Keine glatzköpfigen Halbstarken, die Probleme mit vollständigen Sätzen haben, sondern fesche junge Männer, die eloquent ihre Anliegen erklären und keine Scheu davor haben, ihr Gesicht in die Kamera zu halten. Eingestreute Zitate von konservativen und umstrittenen Philosophen wie Martin Heidegger oder Arnold Gehlen sollen ihren Botschaften einen intellektuellen Anstrich geben.

Die Identitären wirken in solchen Momenten wie eine nette Studentenbewegung, die nach ihren Lesekreisen mit Spontiaktionen, die sie von Rudi Dutschke abgeguckt hat, ein wenig für Stimmung sorgt.

Gerade mal 100 Personen

Die Berichterstattung über die Gruppe läuft meist nach dem gleichen Schema ab: Eine Aktion wird gezeigt, dazu das Statement eines Mitglieds, vielleicht auch ein Flugzettel – die Bilder, das Propagandamaterial und die Forderungen der Gruppe bekommen damit eine breite Bühne. Erst später wird eine Gegenposition eingeblendet, ein linker Aktivist oder ein Experte. So wird die Diskursfähigkeit der rechtsextremen Gruppe erst hergestellt.

Der Faschismus steht plötzlich der Faschismusforschung gleichberechtigt gegenüber, sagt Bernhard Weidinger vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Der Politologe ist einer der oft zitierten Experten zu dem Thema. "Es ist für die Identitären viel zu einfach, Aufmerksamkeit zu bekommen", sagt er. "Sie machen sich den an sich begrüßenswerten Umstand zunutze, dass es in journalistischen Kreisen eine große Sensibilität gegenüber Rechts gibt. Über ähnliche Aktionen von Tierschützern würde kaum im selben Ausmaß berichtet werden", sagt Weidinger, der den harten Kern der Identitären in ganz Österreich auf unter 100 Personen einschätzt.

Alles nur Überspitzungen?

Tatsächlich wird auf den Twitterkanälen der Gruppierung jede Interviewanfrage gefeiert, jeder Fernsehbeitrag bejubelt. Die Rechten wissen natürlich, dass sie meist schlecht wegkommen, doch die Empörung über sie wird als die beste Werbung wahrgenommen. Man stehe kurz vor einer Apokalypse, wird suggeriert, die letzte Chance sei jetzt da. Wer sich dagegenstellt – damit sind auch viele Journalisten gemeint – könne sich warm anziehen: "Ich rate allen Multikultis, schon ihre Koffer zu packen. Das kommende Europa wird für euch keinen Platz haben, ihr seid am Ende", sagte einer der führenden Köpfe der Bewegung in einem Video nach den Attentaten in Brüssel.

Meist beteuern die Identitären dann, diese Aussagen seien doch nur Überspitzungen. Aber vermutlich sind das die ehrlichen Momente.

Natürlich muss man über solche politischen Irrlichter berichten, aber sie dabei nicht größer schreiben als sie sind. Denn die Forderungen der Gruppe ignorieren alle gesellschaftlichen Realitäten. Wenn, dann lassen sie sich nur verbrecherisch umsetzen.