Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman wollte ein Zeichen setzen: Am Donnerstagmorgen trank er seinen Kaffee im Tel Aviver Ausgehviertel Sarona. Tags zuvor waren dort vier Menschen erschossen worden, von zwei eleganten, in dunklen Anzügen gekleideten Männern, die an einem der Tische von Sarona saßen, dicke Taschen neben sich. Man hielt sie für Anwälte oder Geschäftsleute. Bis sie aufstanden und um sich feuerten.

Die Attentäter waren miteinander verwandt und stammen aus der Umgebung von Hebron im Westjordanland; ihr Ziel lag in unmittelbarer Nähe zum Verteidigungsministerium. Die Polizei sprach von "zwei Terroristen", von denen einer festgenommen wurde. Der andere liegt mit schweren Schussverletzungen im Krankenhaus.  

Dieser Anschlag in dem belebten Viertel, mit seinen zahlreichen Restaurants und Bars, ist ein erster Test für den neuen und umstrittenen Minister Lieberman. Sein Cafébesuch sollte eine Botschaft senden: Wir lassen uns nicht unterkriegen, das Leben geht trotz allem weiter. Damit folgt Lieberman der Linie, die auch schon seine Vorgänger verfolgten. 

Die vergangenen Wochen waren relativ ruhig gewesen. Eine trügerische Sicherheit. Die Messerattacken, die das Land seit September 2015 in Angst und Schrecken versetzt hatten, waren abgeflaut, doch jetzt fragen sich viele Israelis, ob sie es mit dem Beginn einer weiteren, möglicherweise noch brutaleren palästinensischen Terrorwelle zu tun haben. 

Erste Reaktionen der Regierung

Bevor Lieberman ins Kabinett berufen wurde, hatte er die Sicherheitspolitik der Regierung als viel zu lasch kritisiert. Seine Forderung nach der Todesstrafe für Terroristen musste er dann allerdings bei seinem Eintritt in die Regierung aufgeben.

Premierminister Benjamin Netanjahu weiß, dass sein Bündnis mit Lieberman international als so weit rechts wie nie gilt. Dem will er entgegenwirken. Zuletzt hatte er sogar mit Blick auf eine Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen mit den Palästinensern versöhnliche Töne angeschlagen. Lieberman sagte nach dem Anschlag in Sarona nichts über mögliche konkrete Reaktionen der Regierung. Nur soviel: Man werde sich nicht mit Worten begnügen.

In den Nachrichten werden die Namen der vier Ermordeten derzeit jede halbe Stunde verlesen. Unter den Toten ist auch ein bekannter Anthropologe. Dr. Michael Feige hat an der Ben-Gurion-Universität im Negev unterrichtet. Sein Forschungsthema waren kollektive Erinnerungs- und Trauerrituale in Israel. Vor einigen Jahren war er zudem für ein Buch ausgezeichnet worden, das sich mit jüdischem Fundamentalismus in den besetzen Gebieten beschäftigt.  

Wie immer nach einem Anschlag in Israel ist jetzt die Stunde der Empathie mit Opfern und Angehörigen. Und es gibt erste Vergeltungsmaßnahmen. Im besetzten Westjordanland wurden Hunderte zusätzlicher Soldaten stationiert. Aus Sicherheitsgründen nahmen die Behörden die Einreisegenehmigungen für Zehntausende Palästinenser zurück, die im Fastenmonat Ramadan Verwandte in Israel besuchen wollten, und sie setzten Passierscheine für Arbeiter aus dem Westjordanland vorübergehend außer Kraft. Auf vielen Baustellen in Tel Aviv blieb es deshalb am heutigen Donnerstag ruhig.

Die Rolle des lautesten Hardliners übernimmt diesmal Likud-Mitglied und Wissenschaftsminister Ofir Akunis. Er nennt die Attentäter "Tiere" und forderte die Ausweisung ihrer Familien. Die Forderung ist nicht neu. Es wäre eine ultimative Abschreckungsmaßnahme. Aber bisher haben sich die verantwortlichen Juristen im Land stets dagegen ausgesprochen.