Die Bilder sind überall: Im Fernsehen, auf den Titeln der Tageszeitungen, in den sozialen Netzwerken ist zu sehen, wie von den Decken Betonplatten herunterfallen, Menschen panisch durch Staubwolken rennen. Wie Hunderte Krankenwagen den Flughafen erreichen, Tausende Menschen vor den Terminals stehen, weinen und inmitten des Chaos verzweifelt Ausschau nach ihren Angehörigen und Freunden halten.

Mindestens 41 Menschen wurden am Dienstagabend bei einem verheerenden Terroranschlag auf dem Atatürk-Flughafen in der türkischen Metropole Istanbul durch drei Selbstmordattentäter mit in den Tod gerissen. Nach jüngsten Angaben der türkischen Behörden wurden außerdem mindestens 239 Menschen verletzt. Die türkische Polizei fahndet nach den Hintermännern des Attentats, die während des für Muslime in aller Welt heiligen Fastenmonats Ramadan zuschlugen.

Der Atatürk-Airport ist ein symbolträchtiges Ziel und wirtschaftlich von hoher Bedeutung für die Türkei, die sowieso schon schwer unter dem Rückgang der Touristenzahlen leidet. Der größte Flughafen des Landes fertigt in etwa so viele Passagiere ab wie der Airport in Frankfurt am Main – täglich starten, landen und steigen Millionen Menschen hier um. Anders als auf Flughäfen in Deutschland finden in türkischen Airports Sicherheitskontrollen schon vor dem Eingang zu dem Terminal statt.

Wie weit kamen die Terroristen?

So ist das auch im Atatürk-Airport, Gepäck wird direkt am Eingang durchleuchtet, die Passagiere müssen durch Metalldetektoren. Soweit sollen die Terroristen aber am Dienstag nicht gekommen sein. Aus türkischen Regierungskreisen hieß es, den Angreifern sei es nicht gelungen, die Sicherheitsschleusen am Eingang des Terminals zu passieren. Augenzeugenberichte und Videos in sozialen Medien deuten allerdings darauf hin, dass es Angreifer auch in den Innenbereich schafften.

Bis zum frühen Mittwochmorgen bekannte sich keine Gruppierung zu der Tat, die von Ankara allerdings dem "Islamische Staat" (IS) zugerechnet wird. Es wird auch spekuliert, dass die in Europa und der Türkei als Terrorgruppe eingestufte kurdische Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) hinter dem Anschlag steckt. Die PKK hat auch schon heftige Anschläge hier verübt und tatsächlich hatte zuvor einer Splittergruppe der PKK mit Anschlägen auf touristische Ziele gedroht. Allerdings erinnert der jetzige Anschlag an das Attentat am Flughafen in Brüssel. Dass sei auch der Grund, warum in türkischen Sicherheitskreisen nun der IS verdächtigt werde, heißt es.

Ankara zögerte zu lange

Die Attentatswelle, welche die Türkei seit rund einem Jahr erlebt, ist aber auch die Quittung für Ankaras sehr zögerlichen Kampf gegen den Terror. Denn über Jahre hinweg schaute Ankara dem Kampf der Islamisten im Nachbarland still zu, die syrisch-türkische Grenze galt als durchlässiger Übergang für Dschihadisten.

All dies geschah in der Hoffnung, dass der IS für Ankara zwei Probleme lösen würden: nämlich den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zu entmachten, der zu den ärgsten Gegnern des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan gehört, und die Entstehung eines kurdischen Autonomiegebietes in Nordsyrien zu verhindern. Eine Taktik, die vollständig scheiterte, denn der Terror von nebenan findet nun auch im eigenen Land statt. Ankara musste anfangen, den IS zu bekämpfen, und baute deswegen im letzten Jahr eine Mauer an der Grenze. Dafür rächen sich die Dschihadisten nun.