Die Zahlen sprechen für sich: 172 Abgeordnete stimmten gegen Jeremy Corbyn, nur 40 für ihn. Vier Stimmzettel waren ungültig, 13 Abgeordnete enthielten sich der Stimme. Somit hat am Dienstagnachmittag ein Großteil der Labour-Abgeordneten im Unterhaus dem Labour-Chef das Vertrauen entzogen. Nach dem Brexit-Votum ist nicht nur Großbritannien gespalten, auch die oppositionelle Labour-Partei bricht in ihrem Führungskonflikt auseinander.

In den vergangenen Tagen war ein Großteil von Corbyns Schattenkabinett zurückgetreten, zahlreiche führende Labour-Politiker fordern seinen Rücktritt. Parteiinterne Kritiker werfen Corbyn vor, er habe im Vorfeld des EU-Referendums zu wenig unternommen, um ein Leave-Votum zu verhindern. Er trage daher eine Mitschuld daran, dass so viele Labour-Anhänger für einen Brexit gestimmt hätten.

Rechtlich bindend ist das Ergebnis der Vertrauensabstimmung aber nicht. Und so gab sich Corbyn kämpferisch: Kurz nach Bekanntwerden des Ergebnisses erklärte er, er denke gar nicht daran, zurückzutreten. 60 Prozent der Labour-Mitglieder und wahlberechtigten Unterstützer hätten ihn zum Parteichef gewählt, damit er "für eine neue Politik" eintrete, ließ er in einer offenbar vorbereiteten Erklärung wissen. "Und ich werde sie nicht im Stich lassen, indem ich zurücktrete."

Dass seine Gegner von ihm ablassen werden, ist unwahrscheinlich. Vielmehr sieht es jetzt nach einer Kampfabstimmung aus. Dabei zeichnet sich schon jetzt weiterer Ärger ab: Denn es herrscht Unklarheit darüber, ob Corbyn bei einer solchen Abstimmung automatisch wieder als Kandidat für den Parteivorsitz antreten darf, oder ob er ein weiteres Mal nominiert werden muss. Und auch der Riss zwischen der überwiegend Corbyn-kritischen Parteiführung und der Basis ist schon jetzt nicht zu übersehen.

Die EU liegt Corbyn nicht am Herzen

Len McClusky, Chef der Labour-nahen Gewerkschaft Unite, stellte sich hinter Corbyn. Auch Manuel Cortes von der Transportgewerkschaft TSSA sprach Corbyn sein Vertrauen aus. Er erklärte: "Es ist beinahe unglaublich, zuzuschauen, wie die Labour-Partei in eine selbst gemachte Krise stürzt." Das Verhalten der Labour-Abgeordneten bezeichnete er als "kindisch, hemmungslos und ihres Amts nicht würdig".

Die Stimmung innerhalb der Partei ist aufgewühlt. Der Labour-Abgeordnete Phil Wilson warf Corbyn bereits am Wochenende "Sabotage" im Vorfeld des Referendums vor. Ein weiterer Abgeordneter, Chris Bryant, sagte, er sei sich nicht einmal sicher, ob Corbyn selbst für einen Verbleib in der EU gestimmt habe. Viele Wähler hätten einen ähnlichen Eindruck bekommen und am Wahltag wohl auch deswegen für einen EU-Austritt gestimmt.

In der Tat war es im Vorfeld des Referendums kaum zu übersehen, wie wenig Corbyn die EU am Herzen lag – steht sie doch für so vieles, was einem Linken wie ihm zuwider ist. Zwar sprach er sich grundsätzlich gegen den Brexit aus. Bei Veranstaltungen des Remain-Lagers wirkte er jedoch oft wie ein Großvater, der sich auf einer Drum’n'Bass-Party verlaufen hat. Zum Brexit brachte er in aller Regel nur über die Lippen, dass ein EU-Austritt dazu führen könnte, dass die regierende konservative Partei die Arbeiterrechte in Großbritannien weiter aushöhlt. Ein beherztes Plädoyer für einen Verbleib war das nicht. Auch weigerte er sich, bei Remain-Veranstaltungen an der Seite von Premier David Cameron aufzutreten.

Dabei ist Corbyn ist so etwas wie der britische Bernie Sanders. Sein überraschender Aufstieg an die Spitze der Labour-Partei im vergangenen Jahr hat Großbritanniens Politikbetrieb durcheinander gewirbelt. Seine Kritiker versuchen seit jeher, ihn als Fossil aus einer vergangenen Zeit darzustellen: Als linken Dogmatiker, der so rede, als stecke er in den 1980ern fest und der sich endlich damit abfinden müsse, dass sich die Zeiten geändert hätten.

Seit er zum ersten Mal im Jahr 1983 zum Abgeordneten des Londoner Wahlkreises Islington North gewählt worden ist, hat Corbyn mehr als 500 Mal gegen die Parteilinie gestimmt. Er tauchte regelmäßig bei Protestmärschen und Gewerkschaftskundgebungen auf und polterte gegen die Finanzmärkte und die Regierungspolitik, die ihm schon unter Tony Blair zu marktliberal war. Während des Irak-Krieges stellte sich Corbyn energisch auf die Seite der Kriegsgegner.