Das tödliche Attentat auf die britische Labour-Abgeordnete und Brexit-Gegnerin Jo Cox hat den hitzigen Wahlkampf von Befürwortern und Gegnern eines britischen Austritts aus der Europäischen Union zum Stillstand gebracht. Der britische Premierminister David Cameron und Labour-Parteichef Jeremy Corbyn haben am Ort des Angriffs, der Ortschaft Birstall in Nordengland, die ermordete Abgeordnete geehrt. Corbyn sagte, das Parlament werde seine Sitzungspause unterbrechen und am Montag zu Ehren der Abgeordneten zu einer Sondersitzung zusammenkommen. "Wo wir Hass sehen, wo wir Spaltung sehen, wo wir Intoleranz sehen, müssen wir sie zurückdrängen", sagte Cameron. Gemeinsam mit Corbyn wertete er den Angriff auf Cox als "Attacke auf die Demokratie".

Der mutmaßliche Täter, ein 52-jähriger Mann, wurde festgenommen. Es werde nicht nach weiteren Verdächtigen gesucht, hieß es. Die Polizei sei sich sicher, den richtigen Mann gefasst zu haben. 

Nachbarn beschrieben den Mann als unauffälligen Einzelgänger. Die Polizei untersucht mögliche Verbindungen zur rechtsradikalen Szene wie auch mögliche psychische Probleme. Der Bruder des Tatverdächtigen sagte der Zeitung Daily Telegraph, sein Bruder habe psychische Probleme. "Es fällt mit schwer zu glauben, was passiert ist", sagte Scott Mair. "Mein Bruder ist nicht gewalttätig und er ist nicht besonders politisch." Der Bruder habe "eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen". Allerdings sei er in Behandlung gewesen.

Das Southern Poverty Law Center, eine anerkannte Anti-Rassismus-Organisation in den USA, schreibt auf ihrer Website von Dokumenten, die belegen, dass der mutmaßliche Mörder von Cox jahrelang an Unterstützer der amerikanischen Neonazi-Gruppierung National Alliance (NA) gewesen sei. Der Verdächtige habe unter anderem eine Anleitung von der NA gekauft, um selbst eine Pistole zu bauen. Darüber hinaus soll er an die NA gespendet haben und viele weitere Flugblätter und Zeitschriften der Neonazis erworben haben.


Britische Medien berichteten, der Mann soll bei seiner Festnahme die Worte "Britain First" gerufen haben. Dies ist aber von der Polizei nicht bestätigt. Sollte es sich bewahrheiten, könnte es auf eine politisch motivierte Tat deuten. Britain First ist der Name eine rechtsradikalen Partei in Großbritannien. Es könnte aber auch in Bezug auf Cox' Engagement für Flüchtlinge oder sogar in Bezug auf die Brexit-Debatte gemeint gewesen sein. Dies sind bisher allerdings Spekulationen.

Stärkerer Schutz geprüft

Cox war nicht nur gegen den EU-Ausstieg, sondern hatte außerdem den Beitrag von Zuwanderern für die britische Gesellschaft gelobt und auf das Leid der syrischen Flüchtlinge hingewiesen. Sie sprach sich für ein Ende des syrischen Bürgerkriegs und ein stärkeres militärisches Engagement Großbritanniens im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" aus.

Vor einigen Monaten hatte sie sich an die Polizei gewandt, da sie "bösartige Mitteilungen" erhalten habe. Infolgedessen sei im März ein Mann festgenommen und verwarnt worden, teilte die Polizei mit. Der damals überprüfte Mann sei jedoch nicht der nun festgenommene. Offenbar sollte Cox stärkeren Schutz erhalten, ob das passiert ist, ist unklar. Wie die Londoner Times berichtete, lief gerade eine Prüfung zusätzlicher Sicherheitsvorkehrungen für die Abgeordnete.

Cox war für ein Treffen mit Wählern in der Ortschaft Birstall in der Nähe von Leeds gewesen, als es vor einer Bibliothek zu dem Angriff kam. Augenzeugen berichteten, dass ein Mann mehrmals auf Cox geschossen und dann offensichtlich noch auf sie eingestochen habe, als sie bereits auf dem Boden lag. Die Polizei geht davon aus, dass der Festgenommene allein gehandelt hat.

"Eine tragische und fürchterliche Nachricht"

Sowohl das Remain-Lager, das den Verbleib Großbritanniens in der EU favorisiert, als auch die Brexit-Befürworter haben ihren Wahlkampf vorerst ausgesetzt. Premierminister David Cameron sagte eine Kundgebung in Gibraltar ab. Für wie lange dies gilt, ist unklar. Forderungen nach einer Absetzung oder Verschiebung des Referendums gibt es bis dato nicht. Ob der Mord Einfluss auf den Ausgang eines Brexit-Referendums hat, ist noch unklar. Die Debatte war zuletzt aufgeheizt und wurde emotional geführt. 

Die britische Politik reagierte erschüttert auf den Angriff. Premier David Cameron sagte: "Das ist eine absolut tragische und fürchterliche Nachricht. Wir haben einen großen Star verloren." Auch Labour-Chef Jeremy Corbyn zeigte sich schockiert. Die Gedanken der ganzen Labour Party seien bei Cox und ihrer Familie. Auch etliche internationale Staatschefs und Regierungsvertreter, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Frankreichs Präsident François Hollande und US-Außenminister John Kerry bekundeten ihr Beileid. "Unsere Gedanken sind bei den Menschen, die betroffen sind", sagte Merkel in Berlin.

Cox ist die erste amtierende britische Parlamentsabgeordnete seit einem Vierteljahrhundert, die einem Attentat zum Opfer fiel. Ian Gow war 1990 von einer Sprengfalle der IRA getötet worden. Im Jahr 2000 wurden der Liberaldemokrat Nigel Jones und sein Mitarbeiter Andrew Pennington von einem Mann mit einem Schwert angegriffen. Pennington wurde getötet, Jones verletzt. Im Mai 2010 verletzte eine radikalisierte Studentin einen Labour-Abgeordneten schwer mit einem Messer.