Kurz bevor ein junger Mann in einem Club in Orlando 49 Menschen tötete, weil sie schwul waren oder das schwule Leben feierten, erlebten ein paar Tausend Menschen in Kiew einen erhabenen Moment in ihrem Leben: Zum ersten Mal in der Geschichte der Ukraine trafen sich im Herzen der Hauptstadt etwa 2.000 Menschen und marschierten für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transgender (LGBT) – noch vor zwei Jahren fand die Parade wegen des Krieges gar nicht statt. Und bei dem Marsch vor einem Jahr waren sie knapp 200, von der Stadtverwaltung verbannt an den Stadtrand, am Ende wurden sie Opfer Rechtsradikaler. Jemand warf einen selbst gebastelten Sprengsatz, ein Polizist wurde lebensgefährlich verletzt.

Dieses Mal ging bis auf wenige Zwischenfälle alles gut. Sie konnten marschieren, niemand jagte sie auseinander. Sie riefen "Liebe für alle" oder "Rechte statt Gewalt". Es war berührend, mit welcher Ruhe und Geduld die Teilnehmer mit ihren Gegnern diskutierten, die am Rande der Parade Plakate hochhielten: "Gegen Schwule" oder "Kiew gegen die Sodomie-Sünde".

Der Kampf für LGBT-Rechte mag vielen in der Ukraine angesichts des Krieges wie ein Luxusproblem kapriziöser Großstadtgören vorkommen. Muss das überhaupt sein? Muss das jetzt sein? Ja, es muss. Dieser Kampf ist kein Ringen um verzichtbare Privilegien, sondern eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Verhandelt werden Bürgerrechte, die jedem zustehen sollten. Jedem. Punkt. Und in der Auseinandersetzung mit Russland werden diese Rechte zum bedeutenden Distinktionsmerkmal für die Ukraine: Gerade weil die russische Propaganda sich an dem verkommenen und verdorbenen Gayropa abarbeitet, entscheidet sich für die Ukraine an dem Umgang mit ihren Minderheiten, welchen Weg das Land gehen wird.

Für Homosexuelle in der Ukraine bleibt das Leben schwer, vor allem für schwule Männer, daran ändert auch ein Marsch nichts. Das einzige Gesetz, das Diskriminierung verbietet, ob wegen der Hautfarbe, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung, ist im Arbeitsrecht verankert und wurde erst nach mehreren Versuchen und westlichem Druck verabschiedet – der jetzige Premier versäumte nicht, hinterher zu versichern, dass Schwule "niemals" in der Ukraine werden heiraten dürfen, dabei ging es in diesem Gesetz nicht darum. Noch immer gibt es keinen Tatbestand des Hate Crime – die Täter, die die Parade im vergangenen Jahr angegriffen haben, wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt. Und als ein LGBT-Festival in Lemberg von Rechtsradikalen verhindert wurde, ohne dass die Polizei einschritt, verharmloste der Bürgermeister die Gewalt – im Übrigen ein Maidan-Unterstützer und seinem Selbstbild nach ein Reformer – indem er beiden Seiten Provokation vorwarf. Damals, im März, schien der Tiefpunkt für die LGBT-Unterstützer erreicht. Nun, im Juni, sind die Aktivisten euphorisch.

"Es kommt mir vor wie ein anderes Land", sagt Sorjan Kis, verheiratet mit einem Mann und einer der Organisatoren der Pride Parade in Kiew. Endlich debattiere die Gesellschaft über Schwule. Paradoxerweise habe ihnen die Gewalt geholfen, die sie wieder und wieder erfahren hätten. "Die Menschen akzeptieren uns vielleicht nicht, aber sie akzeptieren noch weniger Gewalt. Sie stellen sich auf die Seite derer, die sich friedlich verhalten."

Der Wandel sei rapide, meint Kis. Die Vizeministerpräsidentin hat in einem Clip der Pride Parade ihre Unterstützung zugesagt und auf gleichen Rechten für alle bestanden. In der Metro hing zum ersten Mal Werbung für die Pride Parade aus, auf der Familien, aber auch freiwillige Kämpfer ihre Unterstützung ausdrückten – eines der Gesichter gehört einer jungen Russin, die im April 2014 aus Russland nach Kiew kam, kurz darauf mit dem Ajdar-Bataillon an der Front kämpfte und nun die Pride Parade verteidigte.

6.000 Polizisten schützen die Pride Parade

"Ich bin eine russische Patriotin, die gegen den russischen Staat kämpft, weil ich mein Land liebe. Und nun verteidige ich die Pride Parade", sagt sie und lacht darüber, wie ihr Leben in nur zwei Jahren so viele irre Wendungen nehmen konnte. "Wir haben um die Freiheit gekämpft. Das machen auch die Leute, die zur Pride Parade gehen." Die Privatbank des Oligarchen Ihor Kolomojskyj warb mit Regenbogenfarben und dem Slogan "Love wins". Die Zusammenarbeit mit der Polizei, so die Organisatoren, war hervorragend, zum ersten Mal seien sie wie Partner und nicht wie Untertanen behandelt worden.

Dass mehr als 6.000 Sicherheitskräfte die Parade in Kiew schützen mussten, weil Rechtsradikale ein "Blutbad" versprachen, dass in Orlando ein muslimischer Attentäter (womöglich aus Selbsthass, weil er selbst schwul war?) Schwule und Lesben tötete, dass nationalistische Extremisten erklären, die Pride Parade Ende Juni in Istanbul niederschlagen zu wollen; dass in den USA einige christliche Fanatiker feierten, dass es nun 49 weniger Schwule und Lesben auf der Welt gibt, zeigt vor allem eins: Hass auf Homosexuelle eint die unterschiedlichsten Ideologien, weil sie sich im Kern eben doch ähneln. Sie verachten und bekämpfen das Freiheitliche und Libertäre und nirgendwo sehen sie es stärker verkörpert als in den Rechten für Schwule, Lesben und Transgender. Deshalb galt das Attentat in Orlando nicht nur 49 Menschen in einem LGBT-Club, sondern auch der Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Die Parade in Kiew hatte übrigens nichts von einer riesigen Party wie die Paraden in Berlin, Tel Aviv oder San Francisco. Für eine öffentliche Party wird es noch Jahre brauchen. Die Route wurde bis zum Tag zuvor nicht bekannt gegeben. Die Polizisten bildeten Menschenketten um die Paradeteilnehmer, Straßen wurden mit Eisenzäunen abgesperrt. Sorjan Kis hatte seinen Hipsterbart abrasiert, um von seinen Gegnern nicht erkannt zu werden.

Erst nach der Parade erreichte die Teilnehmer die Nachricht über das Attentat in Orlando. Manche, wie Kis, eilten zur US-amerikanischen Botschaft, um Blumen niederzulegen. Ihnen war an diesem Tag etwas Außergewöhnliches gelungen, nun aber war die Zeit zu trauern.