Von der VIP-Lounge tritt Jens Stoltenberg hinaus ins weite Rund des Warschauer Nationalstadions. 60.000 Menschen fasst die Arena. Aber am Montagnachmittag voriger Woche, beim Besuch Stoltenbergs, ist das Stadion leer. Der Nato-Generalsekretär nimmt es in Augenschein, weil hier der nächste Gipfel des Militärbündnisses stattfindet. Mitten in der Arena über der Rasenfläche, die normalerweise dem Fußball gehört, errichten Arbeiter einen Konferenzraum. Hier werden am 8. und 9. Juli die Staats- und Regierungschefs der 28 Nato-Mitgliedsländer zusammensitzen – vor leeren Rängen, beobachtet lediglich von gut Tausend Journalisten.

Ein sonderbarer Konferenzort, offenbar aus Sicherheitsgründen ausgewählt. Aber Stoltenberg ist zufrieden, die Vorbereitungen, so scheint es, kommen voran.

Am frühen Nachmittag ist der Nato-Generalsekretär in Brüssel losgeflogen, mit einer Maschine der belgischen Luftwaffe – die Nato verfügt über keine eigenen Flugzeuge. Stoltenberg reist mit einer kleinen Delegation, kein Dutzend Mitarbeiter, nur einer trägt Uniform.

Zwei Tage wird Stoltenberg in Warschau sein. Dann geht es zurück nach Brüssel, am Tag darauf nach Berlin, wieder einen Tag später nach Paris. Drei Reisen pro Woche – das ist kein untypisches Pensum für Stoltenberg. Aber jetzt, einen Monat vor dem Gipfel, drängen sich die Termine noch ein bisschen mehr als sonst.

Warschau, darin sind sich alle einig, wird ein wichtiges Treffen, wie schon der Gipfel in Wales vor zwei Jahren. Damals beschloss die Nato als Reaktion auf Russlands Annexion der Krim und sein aggressives Vorgehen im Osten der Ukraine den Ausbau schneller Reaktionskräfte. Der Schwerpunkt der strategischen Planung lag plötzlich wieder bei der "kollektiven Verteidigung", nicht mehr bei fernen Militäreinsätzen wie in Afghanistan.

"Abschreckung und Verteidigung" heißt diesmal das Motto – oder im Englischen, der Amtssprache der Nato: deterrence and defense. So lautet auch der erste Punkt auf der Tagesordnung in Warschau, er soll der Beruhigung vor allem der baltischen Staaten und Polens gelten.

Der Gipfel finde in einem "kritischen Moment" statt, das Bündnis stehe vor großen Herausforderungen aus dem Osten wie aus dem Süden, sagt Stoltenberg bei einer Rede in der Warschauer Universität. Umso hilfreicher sei es, dass sich Polen in den vergangenen siebzehn Jahren von einem "neuen Verbündeten" zu einem "führenden Verbündeten" entwickelt habe.

Ein erstaunlich braves Publikum hat sich in der Uni-Bibliothek versammelt. Kein Protestplakat, kein Zwischenruf. Man stelle sich vor: der Nato-Generalsekretär an einer deutschen Universität! Da ginge es ganz anders zu.

Eine Studentin immerhin meldet sich mit einer kritischen Frage: Wie die polnische Regierung denn ein so guter Verbündeter sein könne "mit ihren anti-europäischen Ansichten und ihrer nationalistischen Agenda"? Darauf hat Stoltenberg keine rechte Antwort. Aber es ist eine berechtigte Frage und sie kommt zur rechten Zeit, schließlich wird eine engere Zusammenarbeit zwischen EU und Nato ebenfalls auf der Tagesordnung des Gipfels stehen.

Anders als die Europäische Union steht die Nato bei den in Warschau Regierenden in hohem Ansehen. Geradezu vorbildlich erfüllten sie ihre Bündnispflichten, lobt Stoltenberg. Als eines von wenigen europäischen Ländern erreicht Polens Verteidigungshaushalt die vom Bündnis angestrebten zwei Prozent des BIP.

Furcht und Feindseligkeit gegenüber Russland sitzen bei der Rechtsaußen-Regierung in Warschau tief. Allzu laute antirussische Tiraden sind bei Stoltenbergs Besuch allerdings nicht zu hören. Der Nato-Generalsekretär betont ein ums andere Mal, Abschreckung und Dialog gehörten zusammen. Auf den Dialog mit Russland legt die polnische Regierung nicht viel Wert, aber sie weiß, dass es eine gemeinsame Abschreckungspolitik nur geben wird, wenn die Nato zugleich Gesprächsbereitschaft signalisiert.

Abschreckung heißt für Polen: Mehr Nato-Soldaten im Osten Europas – und die wird es geben. Vier multinational zusammengesetzte Bataillone wird die Nato nach Estland, Lettland, Litauen und Polen verlegen, wenn auch auf rotierender Basis, um die Nato-Russland-Grundakte von 1997 nicht zu verletzen, die eine dauerhafte Stationierung von Kampftruppen "in substantieller Größe" verbietet. Zusätzlich wird eine US-Brigade – ebenfalls nicht permanent – in Osteuropa stationiert. So wird es der Gipfel beschließen.

Im Unterschied zu Polen pochen Länder wie Deutschland und Frankreich darauf, das Gespräch mit Wladimir Putin nicht abreißen zu lassen. Und deshalb soll noch vor dem Warschauer Gipfel der Nato-Russland-Rat erneut tagen. Bisher fehlt dazu jedoch die Zustimmung Moskaus.

Heute Warschau, morgen Berlin, übermorgen Paris: Es ist eine ganz normale Woche für den Generalsekretär eines Bündnisses, in dem jeder seine eigene Sicht der Dinge hat, und das dennoch mit einer Stimme sprechen soll. Dafür zu sorgen, sei sein Job, meint Stoltenberg.

Entspannte Atmosphäre auf dem Rückflug. Statt Anzug nun offenes Hemd und graue Jeans. "Jede Menge gute Meetings, alle sehr erfolgreich" – resümiert Stoltenberg seine Stippvisite und lacht. Dann greift er sich seine Mappe und studiert die Akten für den nächsten Trip.