Man könnte Arlene Foster und Nicola Sturgeon fast für Freundinnen halten. Sie sind beinahe gleich alt: Die eine wird am 3. Juli ihren 46. Geburtstag feiern, die andere wenige Tage später, am 19. Juli. Beide tragen gerne rote Power Suits. Beide sind Ministerpräsidentin – die eine in Nordirland, die andere in Schottland – und Rechtsanwältin von Beruf.

Ein Kolumnist der Times nannte die Nordiren einmal launig "Schotten, die schwimmen konnten". Nicola Sturgeon stammt aus Ayrshire im Südwesten Schottlands, dessen Bewohner sich an der britischen Landnahme der Provinz im frühen 17. Jahrhundert zuhauf beteiligten. Direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Nordkanals, liegt die nordirische Provinz Ulster. 

Doch damit enden die Gemeinsamkeiten der beiden. Arlene Foster wuchs auf einer Farm in einer protestantischen Grenzgemeinde in der Grafschaft Fermanagh auf. Die IRA versuchte einmal, ihren Vater umzubringen, einen Hilfspolizisten der Royal Ulster Constabulary. An den Tag, an dem in ihrem Schulbus ein Sprengsatz detonierte, erinnert sie sich, als sei es gestern geschehen: an die tödliche Stille nach der Explosion und an das dann anhebende, panische Schreien. Und sie kannte etliche Opfer des IRA-Massakers bei der Kriegergedenkfeier 1987 in Enniskillen.

Nicola Sturgeon sammelte in ihrer Kindheit keine derart existenziellen Erfahrungen. Die Tochter eines Elektrikers und einer Zahnarzthelferin beschreibt ihr politisches Erwachen als Bewusstwerdungsprozess in der Ära Thatcher: "Meine Schulkameraden hatten das Gefühl, ihnen stehe ein Leben ohne Hoffnung bevor."

Sturgeon lebt für die Politik

Wohlgemerkt, nicht sie selber. Sturgeon trat mit 16 Jahren der Scottish National Party (SNP) bei. Bereits zwei Jahre später organisierte sie die Parteijugend.  Mit 21 Jahren kandidierte sie für das Unterhaus, allerdings ohne Erfolg. Erst 1999 schaffte sie über einen Listenplatz den Sprung in das neu geschaffene schottische Parlament; 2004 wurde sie stellvertretende SNP-Vorsitzende.

Die studierte Juristin ist das Paradebeispiel einer Parteikarrieristin. Politik ist ihr ein und alles. Ihr Freundeskreis beschränkt sich auf die engere Parteiführung, ihr Mann ist Generalsekretär. Dennoch gelang es ihr, seit sie nach der bitteren Niederlage der Nationalisten im Unabhängigkeitsreferendum 2014 zur Parteivorsitzenden aufstieg und zur Ministerpräsidentin deklamiert wurde, sich als Frau des Volkes darzustellen, die sich mutig dem Establishment entgegenstellt.

Jeder nennt sie Nicola. Für ihre Bewunderer ist sie Nippy, die geschickt wie ein Terrier die politische Elite in die Fersen beißt. 

Viele ihrer Gegner können ihren quäkend südschottischen Dialekt nicht ausstehen. Ernster denkende Zeitgenossen meinen, 30 Jahre politischer Aktivismus hätten Sturgeon nicht gelehrt, Politik als die Kunst des Möglichen zu begreifen: Für sie sei Politik die Kunst, ihren Willen durchzusetzen. Und das bedeute: die schottische Eigenstaatlichkeit.

Als praktische Politikerin hat sie sich auch nicht bewährt. Die Jahre 2007 bis 2012, als sie schottische Gesundheitsministerin war, zeichneten sich abgesehen von ein paar populären Gratisgaben durch Reformfeindlichkeit und politischen Stillstand aus. Doch als parteipolitische Taktiererin ist sie gewieft wie kaum jemand sonst im Großbritannien der Gegenwart.