Herr Rösler, wie geht es der Welt?

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei Philipp Rösler aufs Land geflohen: Das Schweizer Dörfchen Cologny liegt hoch über dem Genfer See, die niederen Gebäude, in denen er sein Büro hat, ducken sich in eine Bergwiese, als gehörten sie zum Golfclub gegenüber. Rösler selbst wirkt eher so, als sei er endlich in einer Welt angekommen, die weit genug für ihn ist: Den Reiseplan der nächsten Wochen, der Ziele von Medellín über Moskau bis Kuala Lumpur und mehr als 100.000 Flugmeilen umfasst, kann er lückenlos aufsagen. Beschwingt führt er durch die Großraumbüros, in denen Menschen aus ein paar Dutzend Nationen arbeiten. Auch der ehemalige Vizekanzler hat dort seinen Tisch in einer Ecke.

Als Vorstand für Internationales beim World Economic Forum (WEF) ist Philipp Rösler heute wichtigster Mitarbeiter nach Gründer Klaus Schwab. Das WEF ist vor allem bekannt für den Weltwirtschaftsgipfel in Davos, zu dem jedes Jahr einige Tausend Politiker und Manager anreisen, darunter viele Staatschefs und die Vorstandsvorsitzenden der globalen Konzerne. Mittlerweile aber versteht sich das WEF mit seinen 650 Mitarbeitern als Plattform, die Projekte zwischen Politikern und Unternehmen ermöglicht und an den ganz großen Weltproblemen von Armut bis Klima arbeitet.

Der promovierte Mediziner Philipp Rösler, 43, wurde in Vietnam geboren und als Säugling von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Bereits in seiner Schulzeit war er bei den Jungen Liberalen aktiv. 2009 war er im Alter von 36 Jahren jüngstes Kabinettsmitglied in der Regierung von Angela Merkel und beerbte später Guido Westerwelle als FDP-Vorsitzenden und Vizekanzler. Nach der Wahl 2013, bei der es die FDP erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik nicht in den Bundestag schaffte, trat Rösler vom Parteivorsitz zurück und gab wenig später seinen Wechsel zum WEF bekannt.

ZEIT ONLINE: Sie fliegen oft mehr als 100.000 Meilen pro Monat mit keinem geringeren Auftrag, als "den Zustand der Welt zu verbessern", so lautet der Leitspruch des World Economic Forum. Herr Rösler, wie geht es der Welt?

Philipp Rösler: Nicht so schlecht, wie viele glauben. Nehmen Sie nur die großen Entwicklungsziele zu Armut oder Kindersterblichkeit, die sich die Vereinten Nationen zu Beginn des Jahrtausends gesteckt hatten. Bei der Vollversammlung 2015 waren fast alle mindestens zur Hälfte erreicht. Es geht voran, und das motiviert mich sehr.

ZEIT ONLINE: Die Armut nimmt weltweit ab, der Analphabetismus geht zurück, die Kindersterblichkeit sinkt, die Lebenserwartung steigt, es gab noch nie so wenige Kriegsopfer. Wird alles besser, wir wollen es nur nicht sehen?

Rösler: Es gibt jedenfalls einen Unterschied zwischen der subjektiven Wahrnehmung, die durch die Medien, durch das persönliche Umfeld, durch den eigenen Horizont beeinflusst wird – und der Wirklichkeit.

ZEIT ONLINE: Ihr Jahrestreffen in Davos vermittelt allerdings auch eher den Eindruck, als sei der Termin für den Weltuntergang schon in die Kalender der dort tagenden Vorstandsvorsitzenden und Staatschefs eingetragen. Dieses Mal sprachen sie etwa über den Kollaps Europas nach einem Brexit, über die Spekulationsblase in China, die die gesamte Welt an den Abgrund führen könnte, einen möglichen US-Präsidenten Trump, der dasselbe mit den USA bewirken mag, über den Klimawandel, den erstarkenden Terror, die wachsende Ungleichheit in der Welt. Ein neues WEF-Szenario hält eine Milliarde migrierender Menschen für möglich. Pflegen Sie nicht selbst eine ziemlich apokalyptische Weltsicht?

Rösler: Wir kommen in Davos ja zusammen, um Probleme zu identifizieren und sie dann zu lösen, simples Beklagen hilft nicht. Aber allein die Tatsache, dass beim WEF darüber gesprochen wird, ist sehr hilfreich, auch wenn es manchmal Jahre braucht, bis man etwas verändert. Nehmen Sie die Flüchtlinge, die in diesem Jahr einen wichtigen Teil der Agenda einnahmen. Das scheint viele überrascht zu haben, dabei haben wir davor lange gewarnt und darüber diskutiert, es hat aber die meisten Politiker nicht interessiert, übrigens auch die Medien nicht. In diesem Jahr hatten wir damit erstmals weltweite Aufmerksamkeit.

Schlichte Umverteilung ist nicht originell, das ist ein klassischer Reflex.

ZEIT ONLINE: Globale Aufmerksamkeit hat hingegen seit Jahren die Antiarmutsorganisation Oxfam, die immer pünktlich zum Weltwirtschaftsgipfel neue Zahlen zur wachsenden Ungleichheit veröffentlicht. Sie zeigen stets denselben Trend: Immer weniger Menschen besitzen immer mehr. Das WEF steht einerseits wie keine andere Institution für dieses obere Promill des Planeten und hat andererseits die wachsende Ungleichheit selbst als eines der großen globalen Risiken identifiziert – wäre es da nicht originell, wenn Sie sich aktiv für Umverteilung einsetzen würden?

Rösler: Schlichte Umverteilung ist nicht originell, das ist ein klassischer Reflex. Es gibt Ungleichheit, und sie nimmt zu, und deswegen müssen wir umso mehr an sozialer Inklusion arbeiten. Gerade da sind wir mit konkreten Projekten am erfolgreichsten. In Afrika etwa haben wir neun Millionen Kleinbauern in nachhaltiger Landwirtschaft geschult, dafür haben wir rund zehn Milliarden Dollar für die nächsten vier Jahre gesammelt; nun sind wir wegen des großen Erfolgs damit nach Asien gegangen, dort haben wir bereits weitere zweieinhalb Millionen Kleinbauern erreicht. Das Forum hat sich über die Jahrzehnte gewandelt und möchte nicht nur diskutieren, sondern auch etwas tun. Die Geschäftsführerin von Oxfam, Winnie Byanyima, war 2015 sogar Co-Vorsitzende des Forums.

Wir wollen nicht die Welt regieren, sondern eine unparteiische Plattform für diejenigen bieten, die etwas verbessern wollen.

ZEIT ONLINE: Das WEF scheint daran zu arbeiten, sich von seinem Image einer Geheimloge, eines Zigarrenclubs wichtiger alter Männer zu lösen. Was tun Sie noch dafür?

Rösler: Der Schlüssel ist Transparenz. Bei G 20 und G 7 etwa gibt es nach wie vor Demonstrationen, die gibt es in Davos schon seit zehn Jahren nicht mehr. Und zwar, weil wir uns geöffnet haben. Wenn Sie vor verschlossenen Türen stehen, können Sie gut ihre Verschwörungstheorien pflegen. Wir haben aber nichts zu verbergen und verbergen auch nichts. Jeder ist eingeladen, dabei zu sein. Jede Session wird heute live gestreamt. Und wir veranstalten parallel das Open Forum …

ZEIT ONLINE: … in der Turnhalle einer Davoser Mittelschule …

Rösler: … an dem jeder teilnehmen kann. Sie brauchen kein Forum-Badge, Sie müssen nicht bezahlen, Sie können einfach rein. Wir haben zu allen gesagt, wir diskutieren hier gern mit euch. Und nun sind Oxfam, Attac und alle dabei. Wir wollen nicht die Welt regieren, sondern eine unparteiische Plattform für diejenigen bieten, die etwas verbessern wollen.

ZEIT ONLINE: In der Flüchtlingsfrage war Ihre Plattform gar nicht so unparteiisch, wie sie immer tut. Viele Projekte sind durch Sie entstanden, Unternehmer und Politiker haben sich, angetrieben durch das Forum, engagiert – während etwa Europa sich schwertut, einen gemeinsamen Weg zu finden. In diesem Fall sind Sie plötzlich eine Art bessere Weltregierung.

Die Entwicklungshilfe der letzten Jahrzehnte bestand darin, dass reiche Staaten den armen Regionen Geld gaben. Das hat nicht dauerhaft geholfen.

Rösler: Wir haben nicht nach bürokratischen Lösungen gesucht, sondern uns gefragt, wie die Wirtschaft der Politik ganz konkret helfen kann. So haben wir private Gelder gesammelt, um den etwa eine Million Kindern in Flüchtlingsheimen Bildung vor Ort zu ermöglichen. Ein Kind zu, wie das heißt, beschulen kostet etwa 500 Dollar pro Jahr, Sie brauchen also etwa 500 Millionen. Wenn Menschen wissen, dass ihre Kinder eine gute Bildung erhalten, gibt es weniger Druck, wegzugehen. Wir haben mit der Regierung des Libanon zusammengearbeitet, der deutschen Bundesregierung, der norwegischen, der schwedischen. Oder nehmen Sie Unternehmer wie Hamdi Ulukaya …

ZEIT ONLINE: … einen aus dem Libanon stammenden amerikanischen Joghurt-Milliardär, der in Davos mehrfach auftrat …

Rösler: … der sagt, ich habe ein Vermögen gemacht, es wird Zeit, etwas zurückzugeben. Er hat nicht nur mit der Hälfte seines Vermögens eine Stiftung gegründet, sondern zunächst bei sich im Unternehmen viele Flüchtlinge eingestellt. So sieht eine unternehmerische Lösung aus, das ist nun Vorbild für viele.

Die Entwicklungshilfe der vergangenen Jahrzehnte bestand darin, dass reiche Staaten den armen Regionen Geld gaben. Das hat nicht dauerhaft geholfen, und wenn man sich die Größe zukünftiger Flüchtlingsströme vor Augen führt, wird es erst recht nicht helfen. Es ist schön, zu sehen, dass viele Unternehmer sich des Themas nun annehmen, und wir ermöglichen ihnen solch ein Engagement.

In Davos gab es etwa den Refugee-Run, wo Sie für eine halbe Stunde in die Rolle eines Flüchtlings schlüpfen können. Da konnten Sie all die globalen CEOs sehen, die sonst kaum aus ihren Büros in Paris oder London rauskommen, die mit erhobenen Händen abgeführt wurden, die dann plötzlich verstanden, wie es ist, wenn die Essensausgabe kontrolliert wird, wenn es Streit ums Wasser gibt. Einige hatten Tränen in den Augen.

Die Mittelschicht hat oft Angst vor Abstieg oder Veränderung. Je größer die Mittelschicht, desto größer auch die Angst.

ZEIT ONLINE: Rechnen Sie wirklich mit einer Milliarde Menschen, die sich in Bewegung setzen könnten? Denken wir immer noch zu klein für das, was da kommt?

Rösler: Ja, viele sehen bis heute den vollen Umfang nicht. Ungewollte Migrationsbewegung gibt es seit Jahrzehnten. Über Generationen gibt es Flüchtlingscamps in Palästina. Aber nur ein kleiner Teil der Menschen wird in Zukunft aus politischen Gründen unterwegs sein. Viele werden wegen der fallenden Rohstoffpreise fliehen, die ganze Länder destabilisieren, und wegen der immer stärker spürbaren Klimaveränderungen. Für viele Kleinbauern, mit denen wir sprechen, ist Wassermangel ein ernstes und wachsendes Problem.

ZEIT ONLINE: Verstehen Sie da die Zurückhaltung europäischer Länder beim Thema Flüchtlinge?

Rösler: Sie haben schon erkannt, dass man etwas vor Ort machen muss – anders als in den vergangenen Jahrzehnten. Aber Politiker sind Politiker. Sie wollen gewählt werden. Die Mittelschicht hat oft Angst vor Abstieg oder Veränderung. Je größer die Mittelschicht, desto größer auch die Angst.

ZEIT ONLINE: War es ein Fehler Deutschlands, die Arme zu Anfang so weit zu öffnen?

"Früher war es auch nicht anständiger und sauberer als heute"

Rösler: Was Deutschland gemacht hat, hatte große Wirkung. Dadurch sind so viele Menschen gekommen, dass das Thema Flüchtlinge erstmals globale Aufmerksamkeit bekommen hat. Vorher hat es kaum jemanden interessiert.

Während des Vietnamkrieges sagte Adele Albrecht, die Frau des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht: "Was im Südchinesischen Meer passiert, dürfen wir als Christen nicht zulassen. Du musst was machen, du bist Politiker." Niedersachsen war dann das erste Bundesland, das die sogenannten Boatpeople aufgenommen hat. Da hat ein Politiker aufgrund seines inneren Kompasses eine Entscheidung getroffen.

Es gibt Politiker, die haben einen Instinkt, der ihnen sagt, wo heute die Mehrheiten sind und wo sie morgen sein werden. Und es gibt andere, die wollen politisch führen, die haben einen inneren Kompass, der ihnen sagt, was richtig und was falsch ist. Dann machen sie sich daran, für Mehrheiten zu kämpfen. Ich schätze die Zweiten mehr.

ZEIT ONLINE: Auch, wenn sie ihre Karriere dafür riskieren?

Rösler: Davor habe ich besonders viel Respekt. So findet man sich übrigens schnell in einer liberalen Partei. Da ist man nicht immer aufseiten der Mehrheit. Als ich in den Neunzigern bei den Jungen Liberalen eingetreten bin, hat keiner gesagt, "eines Tages wirst du Vizekanzler sein". Es ist beruhigend, dass in unserem System in den höchsten Staatsämtern Politiker sind, die für ihre Überzeugungen kämpfen.

ZEIT ONLINE: Stirbt dieser Typus von Politikern aus?

Rösler: So heißt es immer, aber das glaube ich nicht. Früher war es auch nicht anständiger und sauberer als heute. Ich bin davon überzeugt, es gibt nach wie vor gute Politiker in allen Parteien, die ihren Überzeugungen folgen. Und es ist die Aufgabe der Wähler, herauszufinden, wer das ist.

ZEIT ONLINE: Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, hat in Davos bemerkenswerte Zahlen zur Integration präsentiert, gerade zu Deutschland. Die Flüchtlinge könnten danach sogar einen sehr positiven Effekt auf unsere Wirtschaft haben, aber nur, wenn sie schnell integriert werden, wenn sie konsequent Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt bekommen. Hat Europa das verstanden? Oder machen wir denselben Fehler wie vor 60 Jahren mit den sogenannten Gastarbeitern?

Philipp Rösler, ehemaliger Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, beim Interview mit ZEIT-ONLINE-Chefredakteur Jochen Wegner in den Räumen des World Economic Forum in Genf © François Wavre / lundi13 für ZEIT ONLINE

Rösler: Die deutschen Kommunen haben das sehr wohl verstanden. Da geht man dieses Mal einen anderen Weg. Und so sehr ich mich auch schon geärgert habe über den deutschen Föderalismus – hier hat er doch einen großen Vorteil. Wenn Sie nicht alle Geflüchteten in ein einziges, suburbanes Gebiet bringen, sondern überallhin, auch aufs Land, dann ist die Integration leichter. So entstehen keine Parallelwelten. Das ist viel besser, als es etwa Frankreich oder Belgien gemacht haben. In den Schulen wird einiges geleistet. Da versucht man, genau das umzusetzen, was Christine Lagarde gefordert hat. Auf Bildung und Sprache zu setzen.

ZEIT ONLINE: Die Integration funktioniert dieses Mal hoffentlich besser, bei der Kommunikation aber hapert es. Der Erfolg populistischer Parteien in Deutschland und anderswo basiert auch darauf, dass sich eine immer größere Gruppe nicht mehr repräsentiert fühlt. Haben klassische Politiker den Kontakt zu diesen Menschen verloren?

Rösler: Ein Großteil der populistischen Strömungen in Europa speist sich aus der Antihaltung zur Europäischen Union und zur europäischen Integration. Früher gab es eine Phase der absoluten Europa-Euphorie, bei jenen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben. Wir können jeden Tag dankbar sein für das, was diese Generation für Europa getan hat.

Die nächste Generation hat aber dann den Fehler gemacht, zu denken, dass diese Begeisterung gottgegeben sei. Ich glaube, man muss sie sich immer wieder neu erarbeiten – und das hat man versäumt. Problematischer noch: Diejenigen, die die europäische Integration zwar grundsätzlich wollten, aber dennoch fragten, ob das die richtige Geschwindigkeit und der richtige Weg sei, wurden lange überhört.

Jede Kritik am Weg zu einem gemeinsamen Europa wurde als Kritik am gemeinsamen Europa selbst verstanden. Das führte im etablierten politischen System zu einer Tabuisierung von Europa-Kritikern, in allen Parteien. So hatten kritische Stimmen keine Plattform. So staute sich Frust und es führte zur Entscheidung, zu den Gegnern, zu den Populisten, zu gehen, da dort die eigene Stimme gehört wird.

ZEIT ONLINE: Auch, weil wir hier in der Schweiz sind: Wäre mehr Bürgerpartizipation ein Weg, die Entkopplung zwischen Mensch und Politik aufzuheben?

Rösler: Es ist nicht allein die Frage, wer über was abstimmt, sondern, wer über was informiert ist und sich von wem mitgenommen fühlt. Volksentscheide führen auch nicht immer zu besseren oder anderen Ergebnissen, das haben wir hier in der Schweiz ja gesehen. Wenn es eine Zukunft für Europa geben soll, dann besteht sie darin, zu erklären und aufzuklären. Man muss akzeptieren, dass es auch andere, nicht euphorische Meinungen gibt zu Europa.

Jede Kritik am Weg zu einem gemeinsamen Europa wurde als Kritik am gemeinsamen Europa selbst verstanden.

ZEIT ONLINE: Muss Europa Angst vor dem eigenen Volk haben?

Rösler: Im Gegenteil, die Politiker müssen rausgehen und die Nähe suchen. Wie motivierend finden sie derzeit die europäische Führung? Und zwar in der Wirtschaft wie in der Politik? Die müssten doch jeden Tag sagen, warum es Europa gibt und warum es ein Vorteil ist, wenn man mit 28 Staaten gemeinsam vorangeht und nicht allein.

ZEIT ONLINE: Bald stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab, Ergebnis offen. Gegen einen Austritt engagiert sich auch das unparteiische WEF öffentlich, Sie hatten Mitte Mai sogar eine Pro-Europa-Veranstaltung mit David Cameron in London organisiert. Warum?

Rösler: Unser Gründer Klaus Schwab ist geprägt durch die französisch-deutsche Jugendbewegung, er hat den Krieg noch in Teilen miterlebt. Er ist also stark beeinflusst von dem Geist, der Europa ermöglicht hat. Der Austritt Großbritanniens ist auch für ein World Economic Forum nicht nur eine ökonomische Frage – es gibt ja sogar einige Ökonomen, die meinen, Europa könne ohne Großbritannien wirtschaftlich besser funktionieren.

Es wäre aus unserer Sicht aber kein gutes Signal, wenn ein so wichtiges Land solch ein politisches Statement abgibt. Dass man den Sinn nicht mehr in der europäischen Integration sieht, sondern im Nationalstaat. Das wäre eine Trendwende: Welche Folgen hätte das für die zukünftige europäische Integration? Wird sie verlangsamt, wird sie umgekehrt? Daher haben wir klar Position bezogen: Es ist gut, dass es erfolgreiche multilaterale Konzepte wie die Europäische Union gibt.

ZEIT ONLINE: Was ist, wenn Europa stirbt?

"Europa wird nicht sterben. Es ist nur kein Selbstläufer mehr"

Philipp Rösler, ehemaliger Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, beim Interview mit ZEIT-ONLINE-Chefredakteur Jochen Wegner in den Räumen des World Economic Forum in Genf © François Wavre / lundi13 für ZEIT ONLINE

Rösler: Europa wird nicht sterben. Es ist nur kein Selbstläufer mehr, man muss etwas dafür tun. Die Diskussion um die Eurozone, um Flüchtlinge und den Brexit ist ja auch eine Chance. Wann haben wir das letzte Mal eine richtig gute Europa-Diskussion gehabt? Wenn alles nur gut läuft, ist es am gefährlichsten, weil man nicht merkt, dass es überall brodelt. Die meisten Unfälle passieren nicht den jungen Piloten, sondern den vermeintlich erfahrenen.

ZEIT ONLINE: Das Forum sorgen derzeit nicht nur Europa, Ungleichheit, Klimawandel oder ungewollte Migration. Ausgerechnet Ihre Organisation, die Speerspitze einer liberalen Weltwirtschaft, warnt jetzt vor den globalen Folgen der Digitalisierung für unsere Ökonomien. Die Debatte gibt es seit den siebziger Jahren, warum Sie und warum jetzt? 

Es reicht heute nicht mehr aus, über Generationen die Wirtschaft umzustrukturieren und langsam das Bildungsniveau zu heben.

Rösler: Im vergangenen Jahrhundert liefen die Veränderungen in der Arbeitswelt mindestens über eine Lebensarbeitszeit, Sie hatten Muße, aus alten Industrien rauszukommen und in neue hineinzuwachsen. In Zukunft werden wir dramatische Veränderungen drei- bis viermal im Laufe eines Arbeitslebens haben. Es reicht nicht mehr aus, über Generationen die Wirtschaft umzustrukturieren und langsam das Bildungsniveau zu heben.

Ein gutes Beispiel ist der Fahrdienst Uber. Es wird diskutiert, ob er das Taxigewerbe verdrängt. Und während wir das noch diskutieren, werden selbstfahrende Autos entwickelt. Uber hat Millionen in selbstfahrende Autos investiert, weil sie wissen, dass dies in kürzester Zeit nicht nur Taxi-, sondern auch Uber-Fahrer verdrängen wird.

Beim etwas abgehangenen Begriff "Zukunft der Arbeit" denkt man eher an Nahles als an Rösler, den Liberalen vom Weltwirtschaftsforum. Aber das ist genau mein Thema. Es wird schon lange kritisiert, dass das Bildungssystem auf das neue Arbeitsleben nur unzureichend vorbereitet, heute ist die Gefahr konkret da. Heute ist wirklich niemand mehr gut vorbereitet auf das, was kommt. Und es geht nicht nur um Taxis, wir reden über hochqualifizierte Berufe, die gefährdet sind – viele Ärzte und Anwälte könnten bald mit Artificial Intelligence ersetzt werden.

Es gibt eine neue Entwicklung – und was machen europäische Politiker in ihrem ersten Reflex? Das, was sie am besten können: verbieten.

ZEIT ONLINE: Uber zeigt beide Gesichter der Digitalisierung. Einerseits könnte der Dienst klassische Taxis und damit viele Arbeitsplätze in wenigen Jahren verdrängen. Auf der anderen Seite kann ich via Uber in Phoenix, Arizona, auf Knopfdruck mit einer wunderbaren Farmerin auf ihrem Pick-up zum Flughafen fahren. Ich freue mich über das Erlebnis, die Farmerin freut sich, dass sie etwas dazuverdienen kann.

Rösler: Es ist nicht Aufgabe des Forums, zu sagen, ob Uber gut oder schlecht ist. Wir müssen nur darauf achten, wie wir mit der Zukunft umgehen. Es gibt eine neue Entwicklung – und was machen europäische Politiker in ihrem ersten Reflex? Das, was sie am besten können: verbieten. Das erleben Sie jetzt auch in Berlin. Bevor man sich intensiv mit der Wohnungsvermittlung Airbnb auseinandersetzt, wird sie verboten. Ich glaube durchaus, dass es bei diesem Geschäftsmodell Herausforderungen gibt. Man sieht ja beispielsweise, dass in New York ganze Häuserblocks gekauft werden, um als inoffizielle Low-Budget-Hostels zu dienen. Das hat mit der Grundidee nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: Die Art, wie Airbnb von vielen Wohnungsanbietern genutzt wird, verstößt gegen bereits geltendes Recht. Berlin setzt es offensichtlich nur konsequenter durch.

Rösler: Man versucht, das Wasser mit einer kleinen Sandburg aufzuhalten. Statt zu überlegen, was da eigentlich passiert und wie man darauf klug reagieren kann. Man sollte überlegen, wie man Auswüchse vermeiden kann und dem Gemeinwohl dennoch dienen. Dass Airbnb günstig und praktisch ist, steht außer Frage. Wir nutzen es auch.

In einem Land wie Deutschland, wo "Textiles Gestalten" häufig immer noch ein Pflichtfach ist und Programmiersprachen keines, könnte man sich dazu auch mal langsam Gedanken machen.

ZEIT ONLINE: Das WEF sorgt sich sogar schon wegen der Folgen des 3-D-Drucks für den globalen Arbeitsmarkt – einer Technik, die seit Jahren existiert und derzeit als heiß gilt, aber längst noch nicht so ausgereift ist, wie alle tun. Noch druckt niemand sein neues iPhone zu Hause aus.

Rösler: Wir haben tatsächlich eine ganze Initiative dazu, Future of Production Systems. Daran beteiligen sich zum Beispiel auch große Logistikunternehmen, die werden mit am härtesten getroffen. Was bedeutet es, wenn Produkte nicht mehr von A nach B transportiert werden müssen, sondern einfach vor Ort gedruckt werden? Was bedeutet das für das geistige Eigentum? Kaufen Sie in Zukunft nicht das Produkt, sondern den Bauplan? Brauchen wir eine neue Art von Kopierschutz? Wie sieht das Preismodell aus?

Die Produktion, die im Moment in Schwellenländer ausgelagert ist, wird zurück in die Länder kommen, die die Produkte konsumieren. In Asien fußen ganze Volkswirtschaften darauf, dass Sie dort günstig produzieren können, mit niedrigen Lohnkosten – das war das gesamte Wachstum der vergangenen 10, 15 Jahre. Das kann zusammenbrechen. Was wäre, wenn die 1,3 Millionen Mitarbeiter von Foxconn, des chinesischen Herstellers elektronischer Produkte, der auch für Apple produziert, auf einen Schlag arbeitslos würden? Die betroffenen Länder wissen das. Sie setzen deshalb auf neue Technologien, dafür braucht es wiederum qualifizierte Mitarbeiter, also Bildung.

Deswegen macht sich auch Afrika Gedanken, wie man Programmiersprachen in die Schulen bekommt, nicht nur die Grundrechenarten. In einem Land wie Deutschland, wo "Textiles Gestalten" häufig immer noch ein Pflichtfach ist und Programmiersprachen keines, könnte man sich dazu auch mal langsam Gedanken machen.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Jugend haben Sie sich offensichtlich ebenfalls digitale Fertigkeiten angeeignet. Im Vorgespräch erwähnten Sie, dass Sie früher auf ihrem Nokia Communicator einen C64-Emulator installiert hatten – also ein Simulationsprogramm für einen Achtziger-Jahre-Heimcomputer auf einem Smartphone der Zweitausender. Mehr Nerd-Sozialisation geht kaum.

Rösler: Ja, ich hatte als Teenager einen der ersten Heimcomputer, den ZX81 – und nun kommt die traurige Geschichte: Danach hatte ich einen VC 20, der hatte die gleiche Form und das gleiche Betriebssystem wie der extrem populäre C64, aber viel weniger Speicher. Der konnte nie die guten Spiele spielen. Und dann hatte ich, und das hat meinen Lebensweg geprägt, einen Atari 800XL. Ich war einer derjenigen Nutzer, die nicht der Masse gefolgt sind, die nicht einen C64 hatten, sondern einen technisch besseren Atari.

ZEIT ONLINE: Warum hat das Ihren Lebensweg geprägt?

Rösler: Ich hatte einmal mehr diese Minderheitenrolle. Das saß irgendwie in mir, ich hatte nie einen richtigen C64 und musste das irgendwann nachholen. Jahre später besaß ich also ein Smartphone, den Nokia Communicator – und habe herausgefunden, dass es dafür auch diesen C64-Emulator gab, den konnten Sie herunterladen und einen richtigen C64 simulieren. Sie konnten darauf sogar in der Programmiersprache Basic coden und, zumindest theoretisch, auch all die alten Spiele spielen. Heute habe ich übrigens einen ZX-Spectrum-Emulator auf meinem iPhone. Schauen Sie, da läuft sogar 3D Starstrike, das war in den Achtzigern das Star-Wars-Spielhallenspiel.

Meine Freunde würden sagen, dass ich kein neuer Mensch bin, sondern wieder ganz der alte.

ZEIT ONLINE: Das Gespräch begann mit der Frage: "Wie geht es der Welt?" Es endet mit der Frage: Wie geht es Ihnen?

Rösler: Großartig. Da gibt es anders als bei Frage eins auch keine unterschiedlichen Sichtweisen.

ZEIT ONLINE: Vergleicht man Sie mit dem Vizekanzler Rösler, scheinen Sie ein neuer Mensch zu sein.

Rösler: Meine Freunde würden sagen, dass ich kein neuer Mensch bin, sondern wieder ganz der alte. In meiner früheren Rolle stand ich unter einem ganz anderen Druck. Das verändert einen, das verändert jeden.

Heute muss ich keine Artikel mehr über mich lesen. Auch wenn man weiß, die Artikel sind nicht gegen einen persönlich, sondern nur gegen die Funktion gerichtet, ist das noch lange nicht schön. Kritische Fragen gibt es natürlich auch heute, aber es ist etwas anderes, wenn Sie persönlich angegriffen werden. Denken Sie an Sigmar Gabriel, den ich lange kenne und schätze. Schauen Sie sich die aktuellen Artikel über ihn an, dann wissen Sie, was ich meine.

Als Politiker haben Sie ein gewisses Sendungsbewusstsein, Sie wollen etwas umsetzen. Es war kein schlechter Weg, in Deutschland in die Politik zu gehen. Aber dass man die Möglichkeiten, die Welt zu gestalten, beim Weltwirtschaftsforum noch vervielfachen kann, das hatte ich nicht erwartet, das ist sehr erfüllend. Es macht mir jeden Tag Freude, herzukommen.