Philipp Rösler, ehemaliger Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, beim Interview mit ZEIT-ONLINE-Chefredakteur Jochen Wegner in den Räumen des World Economic Forum in Genf © François Wavre / lundi13 für ZEIT ONLINE

Rösler: Europa wird nicht sterben. Es ist nur kein Selbstläufer mehr, man muss etwas dafür tun. Die Diskussion um die Eurozone, um Flüchtlinge und den Brexit ist ja auch eine Chance. Wann haben wir das letzte Mal eine richtig gute Europa-Diskussion gehabt? Wenn alles nur gut läuft, ist es am gefährlichsten, weil man nicht merkt, dass es überall brodelt. Die meisten Unfälle passieren nicht den jungen Piloten, sondern den vermeintlich erfahrenen.

ZEIT ONLINE: Das Forum sorgen derzeit nicht nur Europa, Ungleichheit, Klimawandel oder ungewollte Migration. Ausgerechnet Ihre Organisation, die Speerspitze einer liberalen Weltwirtschaft, warnt jetzt vor den globalen Folgen der Digitalisierung für unsere Ökonomien. Die Debatte gibt es seit den siebziger Jahren, warum Sie und warum jetzt? 

Es reicht heute nicht mehr aus, über Generationen die Wirtschaft umzustrukturieren und langsam das Bildungsniveau zu heben.

Rösler: Im vergangenen Jahrhundert liefen die Veränderungen in der Arbeitswelt mindestens über eine Lebensarbeitszeit, Sie hatten Muße, aus alten Industrien rauszukommen und in neue hineinzuwachsen. In Zukunft werden wir dramatische Veränderungen drei- bis viermal im Laufe eines Arbeitslebens haben. Es reicht nicht mehr aus, über Generationen die Wirtschaft umzustrukturieren und langsam das Bildungsniveau zu heben.

Ein gutes Beispiel ist der Fahrdienst Uber. Es wird diskutiert, ob er das Taxigewerbe verdrängt. Und während wir das noch diskutieren, werden selbstfahrende Autos entwickelt. Uber hat Millionen in selbstfahrende Autos investiert, weil sie wissen, dass dies in kürzester Zeit nicht nur Taxi-, sondern auch Uber-Fahrer verdrängen wird.

Beim etwas abgehangenen Begriff "Zukunft der Arbeit" denkt man eher an Nahles als an Rösler, den Liberalen vom Weltwirtschaftsforum. Aber das ist genau mein Thema. Es wird schon lange kritisiert, dass das Bildungssystem auf das neue Arbeitsleben nur unzureichend vorbereitet, heute ist die Gefahr konkret da. Heute ist wirklich niemand mehr gut vorbereitet auf das, was kommt. Und es geht nicht nur um Taxis, wir reden über hochqualifizierte Berufe, die gefährdet sind – viele Ärzte und Anwälte könnten bald mit Artificial Intelligence ersetzt werden.

Es gibt eine neue Entwicklung – und was machen europäische Politiker in ihrem ersten Reflex? Das, was sie am besten können: verbieten.

ZEIT ONLINE: Uber zeigt beide Gesichter der Digitalisierung. Einerseits könnte der Dienst klassische Taxis und damit viele Arbeitsplätze in wenigen Jahren verdrängen. Auf der anderen Seite kann ich via Uber in Phoenix, Arizona, auf Knopfdruck mit einer wunderbaren Farmerin auf ihrem Pick-up zum Flughafen fahren. Ich freue mich über das Erlebnis, die Farmerin freut sich, dass sie etwas dazuverdienen kann.

Rösler: Es ist nicht Aufgabe des Forums, zu sagen, ob Uber gut oder schlecht ist. Wir müssen nur darauf achten, wie wir mit der Zukunft umgehen. Es gibt eine neue Entwicklung – und was machen europäische Politiker in ihrem ersten Reflex? Das, was sie am besten können: verbieten. Das erleben Sie jetzt auch in Berlin. Bevor man sich intensiv mit der Wohnungsvermittlung Airbnb auseinandersetzt, wird sie verboten. Ich glaube durchaus, dass es bei diesem Geschäftsmodell Herausforderungen gibt. Man sieht ja beispielsweise, dass in New York ganze Häuserblocks gekauft werden, um als inoffizielle Low-Budget-Hostels zu dienen. Das hat mit der Grundidee nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: Die Art, wie Airbnb von vielen Wohnungsanbietern genutzt wird, verstößt gegen bereits geltendes Recht. Berlin setzt es offensichtlich nur konsequenter durch.

Rösler: Man versucht, das Wasser mit einer kleinen Sandburg aufzuhalten. Statt zu überlegen, was da eigentlich passiert und wie man darauf klug reagieren kann. Man sollte überlegen, wie man Auswüchse vermeiden kann und dem Gemeinwohl dennoch dienen. Dass Airbnb günstig und praktisch ist, steht außer Frage. Wir nutzen es auch.

In einem Land wie Deutschland, wo "Textiles Gestalten" häufig immer noch ein Pflichtfach ist und Programmiersprachen keines, könnte man sich dazu auch mal langsam Gedanken machen.

ZEIT ONLINE: Das WEF sorgt sich sogar schon wegen der Folgen des 3-D-Drucks für den globalen Arbeitsmarkt – einer Technik, die seit Jahren existiert und derzeit als heiß gilt, aber längst noch nicht so ausgereift ist, wie alle tun. Noch druckt niemand sein neues iPhone zu Hause aus.

Rösler: Wir haben tatsächlich eine ganze Initiative dazu, Future of Production Systems. Daran beteiligen sich zum Beispiel auch große Logistikunternehmen, die werden mit am härtesten getroffen. Was bedeutet es, wenn Produkte nicht mehr von A nach B transportiert werden müssen, sondern einfach vor Ort gedruckt werden? Was bedeutet das für das geistige Eigentum? Kaufen Sie in Zukunft nicht das Produkt, sondern den Bauplan? Brauchen wir eine neue Art von Kopierschutz? Wie sieht das Preismodell aus?

Die Produktion, die im Moment in Schwellenländer ausgelagert ist, wird zurück in die Länder kommen, die die Produkte konsumieren. In Asien fußen ganze Volkswirtschaften darauf, dass Sie dort günstig produzieren können, mit niedrigen Lohnkosten – das war das gesamte Wachstum der vergangenen 10, 15 Jahre. Das kann zusammenbrechen. Was wäre, wenn die 1,3 Millionen Mitarbeiter von Foxconn, des chinesischen Herstellers elektronischer Produkte, der auch für Apple produziert, auf einen Schlag arbeitslos würden? Die betroffenen Länder wissen das. Sie setzen deshalb auf neue Technologien, dafür braucht es wiederum qualifizierte Mitarbeiter, also Bildung.

Deswegen macht sich auch Afrika Gedanken, wie man Programmiersprachen in die Schulen bekommt, nicht nur die Grundrechenarten. In einem Land wie Deutschland, wo "Textiles Gestalten" häufig immer noch ein Pflichtfach ist und Programmiersprachen keines, könnte man sich dazu auch mal langsam Gedanken machen.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Jugend haben Sie sich offensichtlich ebenfalls digitale Fertigkeiten angeeignet. Im Vorgespräch erwähnten Sie, dass Sie früher auf ihrem Nokia Communicator einen C64-Emulator installiert hatten – also ein Simulationsprogramm für einen Achtziger-Jahre-Heimcomputer auf einem Smartphone der Zweitausender. Mehr Nerd-Sozialisation geht kaum.

Rösler: Ja, ich hatte als Teenager einen der ersten Heimcomputer, den ZX81 – und nun kommt die traurige Geschichte: Danach hatte ich einen VC 20, der hatte die gleiche Form und das gleiche Betriebssystem wie der extrem populäre C64, aber viel weniger Speicher. Der konnte nie die guten Spiele spielen. Und dann hatte ich, und das hat meinen Lebensweg geprägt, einen Atari 800XL. Ich war einer derjenigen Nutzer, die nicht der Masse gefolgt sind, die nicht einen C64 hatten, sondern einen technisch besseren Atari.

ZEIT ONLINE: Warum hat das Ihren Lebensweg geprägt?

Rösler: Ich hatte einmal mehr diese Minderheitenrolle. Das saß irgendwie in mir, ich hatte nie einen richtigen C64 und musste das irgendwann nachholen. Jahre später besaß ich also ein Smartphone, den Nokia Communicator – und habe herausgefunden, dass es dafür auch diesen C64-Emulator gab, den konnten Sie herunterladen und einen richtigen C64 simulieren. Sie konnten darauf sogar in der Programmiersprache Basic coden und, zumindest theoretisch, auch all die alten Spiele spielen. Heute habe ich übrigens einen ZX-Spectrum-Emulator auf meinem iPhone. Schauen Sie, da läuft sogar 3D Starstrike, das war in den Achtzigern das Star-Wars-Spielhallenspiel.

Meine Freunde würden sagen, dass ich kein neuer Mensch bin, sondern wieder ganz der alte.

ZEIT ONLINE: Das Gespräch begann mit der Frage: "Wie geht es der Welt?" Es endet mit der Frage: Wie geht es Ihnen?

Rösler: Großartig. Da gibt es anders als bei Frage eins auch keine unterschiedlichen Sichtweisen.

ZEIT ONLINE: Vergleicht man Sie mit dem Vizekanzler Rösler, scheinen Sie ein neuer Mensch zu sein.

Rösler: Meine Freunde würden sagen, dass ich kein neuer Mensch bin, sondern wieder ganz der alte. In meiner früheren Rolle stand ich unter einem ganz anderen Druck. Das verändert einen, das verändert jeden.

Heute muss ich keine Artikel mehr über mich lesen. Auch wenn man weiß, die Artikel sind nicht gegen einen persönlich, sondern nur gegen die Funktion gerichtet, ist das noch lange nicht schön. Kritische Fragen gibt es natürlich auch heute, aber es ist etwas anderes, wenn Sie persönlich angegriffen werden. Denken Sie an Sigmar Gabriel, den ich lange kenne und schätze. Schauen Sie sich die aktuellen Artikel über ihn an, dann wissen Sie, was ich meine.

Als Politiker haben Sie ein gewisses Sendungsbewusstsein, Sie wollen etwas umsetzen. Es war kein schlechter Weg, in Deutschland in die Politik zu gehen. Aber dass man die Möglichkeiten, die Welt zu gestalten, beim Weltwirtschaftsforum noch vervielfachen kann, das hatte ich nicht erwartet, das ist sehr erfüllend. Es macht mir jeden Tag Freude, herzukommen.