Juan Carlos Monedero empfängt in seinem Wohnzimmer im Studentenviertel von Madrid. Überquillende Bücherregale, die Wand voller Kunstdrucke, ein Sofa, in dem man versinkt. Die typische Stube eines linken Intellektuellen. Monedero forschte in Heidelberg, promovierte über die DDR. Später arbeitete er als Berater für die chavistische Regierung in Venezuela. Der 53-Jährige ist Gründungsmitglied der Linkspartei Podemos, gehört aber nicht mehr zur engeren Führung – auch weil gegen ihn wegen Steuerhinterziehung ermittelt wurde. Doch bleibt der Politologe einer der Vordenker der spanischen Linken, vor allem nach dem überraschenden Ausgang der Wahl in Spanien.

ZEIT ONLINE: Podemos hat bei der Neuwahl am Sonntag schlechter abgeschnitten als erwartet. Das Linksbündnis ist hinter der etablierten Arbeiterpartei PSOE auf Platz drei gelandet, gewonnen haben mit deutlichem Abstand die Konservativen. Und das, obwohl vorher alle vom Wunsch nach politischem Wandel sprachen. Woran lag's?

Juan Carlos Monedero: Das Wahlbündnis um Podemos hat fünf Millionen Stimmen bekommen und jetzt 71 Sitze im Parlament. Für eine Partei, die 2014 gegründet wurde und sich erstmals einer landesweiten Wahl gestellt hat, ist das ein grandioses Ergebnis. Daher ist es ein Stück weit tragisch, dass die Umfragen getäuscht haben. Nicht zum ersten Mal haben sie vor der Wahl die Erwartungen aufgeblasen und nun sieht das Ergebnis viel kleiner aus, als es in Wirklichkeit ist. Leider ist auch die Parteiführung in diese Falle gelaufen. Ihr einziges Ziel war es nur noch, die PSOE überholen. Unidos Podemos hat es vielleicht an der Weitsicht gefehlt, dass ein solcher Politikwechsel, wie wir ihn anstreben, ein wenig mehr Zeit braucht. Eine neue Partei muss erst einmal im Parlament arbeiten, damit die Leute sie kennenlernen. Wenn sie dich nicht kennen, werden sie dich wahrscheinlich auch nicht an die Regierung wählen.

ZEIT ONLINE: In einem Blogeintrag, den Sie am Tag nach der Wahl veröffentlicht haben, kritisieren Sie außerdem, dass die Linke zu wenig Konfrontation mit der traditionellen Arbeiterpartei gesucht habe.

Monedero: Der Ort, die Bühne für die politische Linke hat sich geändert. Es ist wichtig da hinzugehen, wo die Probleme sind. Ein linker Politiker muss heute auf der Straße sein, anwesend bei den Zwangsräumungen von Häusern durch die Banken oder bei den abgehängten Arbeitern. Podemos hat sich zu sehr auf die mediale Präsenz konzentriert – und es damit gemacht wie alle anderen. Das Fernsehen ist eine Form der Darstellung der Realität, aber es ist nicht die Realität. Wenn du das Medium mit der Nachricht verwechselt, dann kann das gefährlich sein.

ZEIT ONLINE: Podemos hat lange behauptet, eine breite Bewegung des Volkes zu sein und nicht in das klassische Links-Rechts-Schema zu passen, die Diskurse der "alten Linken" eben nicht führen zu wollen. Dann schloss die Partei für die Neuwahl ein Bündnis mit der Vereinigten Linken, einer sehr klassischen Linkspartei – und verlor prompt eine Million Stimmen. Hat das Glaubwürdigkeit zerstört?

Monedero: Es gab dazu einen Mitgliederentscheid und 98 Prozent der Basis waren dafür. Zumal dem Vorsitzenden der Vereinigten Linken, Alberto Garzón, ein weniger radikales Image nachgesagt wird als Podemos-Chef Pablo Iglesias. So ganz kann diese Analyse also nicht stimmen. Aber die Allianz hatte wenig Zeit, sich zu beweisen. In Wahlkampfzeiten muss man zuspitzen, und vielleicht sind die Inhalte etwas diffundiert, weil Unidos Podemos versucht hat, sich an alle gleichzeitig zu wenden. Am Wahlabend sind auch überzeugte Wähler der Vereinigten Linken zu Hause geblieben.

ZEIT ONLINE: Haben die Menschen nicht einfach Angst gehabt, dass Podemos zu radikal denkt?

Monedero: Radikal, nun, das ist eine Frage der Interpretation. Ist es radikal, die Sparpolitik der EU infrage zu stellen? Ist es radikal, das Instrument der Zwangsräumungen zu kritisieren? Wenn die betroffene Familie zwar ihre Kredite nicht mehr zahlen kann, aber fortan auf der Straße leben muss? Für mich ist Wolfgang Schäuble ein Radikaler, als er wie ein Pate zu Yanis Varoufakis und Alexis Tsipras sagte: Hier in Brüssel ändern die griechischen Wahlen nichts. Das ist antidemokratisch. Extremistisch sind hier doch die Taliban der Märkte, die Troika, die EZB, Schäuble, alle, die dafür sorgen, dass Europa leidet und sich zurückentwickelt.

ZEIT ONLINE: Stimmt die Einschätzung, dass Podemos zwar Wahlkampf kann, aber nicht verhandeln? Während der Regierungsbildungsphase nach der ersten Parlamentswahl im Dezember hatte die Partei die Möglichkeit, mit den Sozialisten zusammenzugehen, verbaute sich das aber durch ihre Arroganz.

Monedero: Wir haben uns nicht gegründet, um die Krücke der PSOE zu sein. Die Massenmedien finden so eine Idee super, sie wollen uns als Juniorpartner, um uns unter Kontrolle zu haben. Das hätte neu und modern gewirkt, wäre aber das Gleiche gewesen. Eine solche Regierung hätte in der Woche darauf die ersten Sozialkürzungen beschlossen. Das hätte nur die Konservativen gestärkt.

ZEIT ONLINE: Muss man in der Politik nicht Allianzen schmieden, Verbündete suchen, um etwas verändern zu können?

Monedero: Nein, mit Lügnern sollte man keine Allianzen schmieden, nur weil sie mächtig sind. Man muss sie konfrontieren. Die PSOE ist ein Partei, die an der Krücke geht, wie übrigens auch die SPD in Deutschland. Die etablierte Sozialdemokratie ist Teil des Problems, weil sie den Sozialstaat aufgegeben hat. Sie sollte sich besser in der Opposition erholen. In Spanien wird es wahrscheinlich schon 2018 neue Wahlen geben, länger hält die Volkspartei nicht durch an der Minderheitsregierung. In meinem Land gibt es längst eine Polarisierung zwischen älteren und jungen Menschen. Die jungen Menschen mit Studium in den urbanen Zonen, das sind unsere Wähler. Die älteren auf dem Land, die wählen die Sozialisten und die Konservativen. Der Wandel wird kommen, es ist nur eine Frage der Zeit.