Sechs Uhr morgens am Tag danach in Oban, Schottlands zentralem Fährhafen der Westküste. Das Meer ist unbewegt und grau, der Himmel hängt in schweren Wolken darüber, ein schottischer Schnürlregen. Schottland hat mit überwältigender Mehrheit gegen den Brexit gestimmt; in der Grafschaft, in der Oban liegt, waren es 61 Prozent.

Die drei Mitglieder der Mannschaft der kleinen Inselfähre Loch Striven kommen zur Arbeit. Sie reden über den Schiffsdiesel, der am Vortag nicht anspringen wollte. Der Brexit? Zwei von ihnen haben das Ergebnis noch gar nicht gehört. Sind sie überrascht? Nee. Alle drei haben für den Austritt aus der EU gestimmt. Warum?

Mit dem Euro, das könne ja nie funktionieren, sagt der eine. Die Brüsseler Bürokratie und so, sagt der andere. Die EU versuche seit Jahren, die schottische Landesregierung zu zwingen, die Staatsreederei Caledonian MacBrayne, für die sie arbeiten und die ein Monopol im Fährverkehr zur Inselwelt der Hebriden hat, zu privatisieren. Dagegen haben sie vor ein paar Monaten gestreikt.

Jetzt müssen wir erst mal unseren Volvo in Gang bringen
Fährmann im schottischen Oban

Steht nun ein neues schottisches Unabhängigkeitsreferendum an? So haben es führende Politiker der Scottish National Party (SNP) für den Fall angekündigt, dass England Schottland aus der EU zerrt. Das glauben sie nicht, sagen die Männer, Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon sei nicht erpicht darauf. Ebenso wenig glauben sie, dass es zum von den EU-Befürwortern vorausgesagten großen Finanzkladderadatsch kommt. "Viel ändern wird sich nicht. Aber jetzt müssen wir erst mal unseren Volvo in Gang bringen. Das ist im Augenblick wichtiger!"

Der Regen nimmt zu, abwarten, wie die schottischen Zeitungen das Ergebnis vermelden. Das Regal für die Tagespresse ist noch leer, die Verlage haben den Redaktionsschluss hinausgeschoben. Die Ladenbesitzerin, eine glühende schottische Nationalistin, hat ebenfalls für den Brexit gestimmt, gegen die offizielle Parteilinie. Warum?

Wegen der vielen Vorschriften, die Kleinunternehmern wie ihr von Europa aufgebürdet wurden, sagt sie. Zum Beispiel dass Zigaretten in neutraler Einheitspackung mit Gesundheitswarnung verkauft und nicht mehr offen zur Schau gestellt werden durften. Dass das nichts mit der EU zu tun hat, sondern eine von der schottischen Regierung eingeführte Vorschrift ist, will sie nicht glauben. Schottland werde als Experimentierfeld missbraucht, sagt sie, aber Hauptsache, der Weg stehe jetzt offen für einen erneuten Anlauf in die Unabhängigkeit.

Die drei schottischen Lager

Die regierende SNP ist in drei Lager gespalten. Die Ministerpräsidentin will erst ein neues Referendum, wenn sie sich eines Sieges sicher sein kann. Ihr Vorgänger Alex Salmond will viel schneller wieder aufs Ganze gehen. Beide reden von einem unabhängigen Schottland in Europa. Der dritte Flügel, inspiriert vom einflussreichen Altnationalisten Jim Sillars und dem europapolitischen Sprecher der SNP im Unterhaus, Stephen Gethins, will weder mit England noch mit der EU etwas zu tun haben.

Das schottische Abstimmungsergebnis zum Brexit ist kurios. Das konservative Edinburgh stimmte mit 75 Prozent gegen den Brexit. Die Einwohner Glasgows hingegen, das von der SNP zur Freedom City erklärt wurde, blieben oft zu Hause. Die Wahlbeteiligung lag dort mit 58 Prozent weit unter dem nationalen Durchschnitt. Man könnte fast von einem Protest der harten Nationalisten gegen die Parteiführung sprechen.

Brexit - "Ich schäme mich, Teil Großbritanniens zu sein" Lisa und Brian Hill betreiben ein Hostel in Schottland. Nach dem Votum für den EU-Austritt fühlen sie sich betrogen.

Weg von den Briten

Später am Morgen klingt Sturgeon besorgt, fast als hätte sie eine Niederlage erlitten. Sie stellt das schottische Ergebnis in ein so günstiges Licht als möglich. Sie betont Optionen und Möglichkeiten und die Notwendigkeit für verantwortungsbewusstem Handeln. Sie will die kaum verheilten Narben des Referendums 2014 nicht wieder aufreißen. Keine Spur von Jubel.

Ganz anders als ein Lastwagenfahrer, der im Hafen von Oban 30 Tonnen Fischfutter für eine Lachszucht anliefert und die Faust ballt wie ein Sieger. "Jetzt ist die Stunde für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum gekommen."

Auch er hat gegen Europa gestimmt. Weil er einmal Fischer war und die EU jedes Jahr die Fangquoten verringert habe. Das habe ihn so viele  Tausende Pfund gekostet, dass er aufgab. Wenn nun die Entwertung des Pfundes alle ärmer macht, wenn eine neue Rezession bevorsteht, dann, so sagt er, sei England schuld daran, das allen Reichtum aus Schottland sauge. "In fünf Jahren, nach unserer eigenen Unabhängigkeit, sind wir da durch."