ZEIT ONLINE: Herr Sheikh, drei Tage nach dem Anschlag von Orlando werden immer mehr widersprüchliche Informationen zum Täter bekannt. Mit was haben wir es aus Ihrer Sicht zu tun – mit dem Amoklauf eines verwirrten Täters oder mit einem durchdachten islamistischen Terroranschlag?

Hammad Sheikh: Beide Annahmen schließen sich gegenseitig nicht aus. Der Anschlag erfüllt viele Bedingungen, nach denen er als Terrorismus eingestuft werden kann. Er wurde von einem nicht staatlichen Akteur ausgeführt, das Ziel hatte symbolische Bedeutung, die Opfer waren Zivilisten und die Attacke war darauf angelegt, Angst und Schrecken zu verbreiten. Unklar ist nur noch, ob dieser Anschlag ideologisch motiviert war. Das werden die Ermittlungen zeigen. Die Behörden werden auch bald herausfinden, inwieweit terroristische Organisationen wie der "Islamische Staat" (IS) an der Planung des Anschlags beteiligt waren. All das muss aber nicht heißen, dass es sich um einen verwirrten Täter handelte.

ZEIT ONLINE: Die amerikanische Bundespolizei FBI kannte den Täter von Orlando, Omar Mateen, offenbar gut, stufte ihn aber als nicht unmittelbar gefährlich ein. Haben die Behörden einen Fehler gemacht?

Sheikh: Mateen war seit einiger Zeit auffällig und wurde drei Mal vom FBI befragt. Denn er hatte behauptet, er habe Kontakte zu Terrororganisationen. Doch bei den Befragungen und Ermittlungen des FBI gilt die Unschuldsvermutung. Mateen konnte sich leicht damit herausreden, er habe das alles nicht so ernst gemeint und nur angegeben. Das war glaubwürdig. Denn Mateen sprach einmal davon, er hätte den "Islamischen Staat" unterstützt, dann wieder war es die schiitische Hisbollah, schließlich die sunnitische Al-Nusra. Diese drei Organisationen sind jedoch miteinander verfeindet. Mateen hatte außerdem keine nachweisbaren Kontakte zu einer dieser Organisationen. Darüber hinaus war Mateen ein zuverlässiger Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes. Bei diesen Jobs werden regelmäßig Hintergrundchecks vorgenommen. Die Behörden hatten also keinen Grund, Mateen weiter zu verdächtigen. Und ohne begründeten Verdacht können sie die Rechte eines amerikanischen Bürgers nicht einschränken.

ZEIT ONLINE: Liest man, was Medien über Omar Mateen herausgefunden haben, entsteht das Bild eines Mannes, der zwischen Extremen schwankt: Mateen war amerikanischer Staatsbürger und stammte aus einer afghanischen Familie; er war frommer Muslim und reiste nach Mekka, zugleich soll er sich mehrfach in dem angegriffenen Club aufgehalten und viel Alkohol getrunken haben; er war ein angenehmer Sohn und Kollege, soll aber gegen seine Frau gewalttätig geworden sein. Was lässt sich daraus schließen?

Sheikh: Wir können davon ausgehen, dass Mateen ein Mensch war, der innerlich mit vielen Widersprüchen kämpfte. Es hat sich auch herausgestellt, dass er seit einiger Zeit eine Dating App für Schwule nutzte. Dies scheint – zumindest oberflächlich – nicht vereinbar mit dem Bild eines frommen Muslims oder eines Familienvaters und könnte auf persönliche Beweggründe hindeuten. Vielleicht war es aber auch eine sehr lang andauernde Tarnung, hinter der er sich versteckte, um die Tat vorzubereiten. Sehr wahrscheinlich ist das nicht, aber noch können wir nichts ausschließen.

ZEIT ONLINE: In Europa haben sich in den vergangenen Jahrzehnten Milieus entwickelt, die immer wieder Terroristen gebären, die Pariser Banlieues zum Beispiel oder der Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Gibt es solche Milieus auch in den USA?

Sheikh: In den Vereinigten Staaten gibt es viele Gegenden, in denen Einwanderungsgruppen unter sich bleiben. Es gibt hier Chinatowns, Little Indias und es gibt auch muslimische Viertel. Leider mehren sich Hinweise, dass seit kurzer Zeit in diesen muslimischen Vierteln Radikalisierungsprozesse stattfinden, wie wir sie aus Europa kennen.

ZEIT ONLINE: Gibt es in Orlando eine auffällige islamistische Szene, mit der Mateen in Verbindung gestanden haben könnte?