Der deutsche Bundestag hatte am vergangenen Donnerstag mit großer Mehrheit dafür gestimmt, die Massaker an der armenischen Bevölkerung sowie an Aramäern und Angehörigen weiterer christlicher Minderheiten vor etwa 100 Jahren im Osmanischen Reich als Völkermord zu bezeichnen. Nun folgt eine Reaktion aus der Türkei: Es sind Mordaufrufe gegen die elf türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten. Der Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu sprach in einem Beitrag der Tagesschau von einer neuen Qualität der Bedrohung seit der Armenien-Resolution.

Zuvor hatte der Oberbürgermeister der türkischen Hauptstadt Ankara bei Twitter ein Bild mit allen türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten gepostet; der Beitrag wurde tausendfach geteilt und von vielen Nutzern mit Aufrufen zum Mord versehen. Mutlu sagte der ARD, er sei besorgt, "zumal irgendwelche durchgeknallten Verrückten das sich anhören und denken, die Obrigkeit hat befohlen. So sind viele Menschen in der Türkei zu Tode gekommen."

Zu der öffentlichen Aufregung haben auch Aussagen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan beigetragen, der die Armenien-Resolution wiederholt kritisierte. Seiner Ansicht nach sind die elf türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten der verlängerte Arm der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Deutschland sei das letzte Land, das über einen "sogenannten Völkermord" der Türkei abstimmen solle, sagte Erdoğan. Zunächst solle Deutschland Rechenschaft über den Holocaust und über die Vernichtung von mehr als 100.000 Herero in Südwestafrika Anfang des 20. Jahrhunderts ablegen.

Eine Zeitung titelt: "Schande über euch"

Viele türkische Zeitungen hatten Erdoğans Kritik aufgegriffen und sie teilweise noch verschärft. So bildete die regierungstreue Star Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit einem Hitlerbart ab, darunter stand: "Alles für die PKK". Die ebenfalls regierungstreue Sabah schrieb, die im Ersten Weltkrieg begonnene "Schicksalsgemeinschaft" zwischen der Türkei und Deutschland sei nun beendet. Überschrift: "Unser Waffenbruder hat uns von hinten erdolcht". Selbst die nicht von der Regierung kontrollierte Hürriyet titelte: "Schande über euch".

Erdoğan und große Teile der türkischen Medien richteten ihre Kritik insbesondere an den Grünen-Politiker Cem Özdemir, der die Resolution in die Wege geleitet hatte. Özdemirs Büroleiter Marc Berthold sagte der Welt am Sonntag, Özdemir habe noch nie so viele Todesdrohungen erhalten wie jetzt. Dem Bericht zufolge denkt das Bundeskriminalamt über Personenschutz für Özdemir nach. Zuvor war bereits die Polizeipräsenz in der Nähe seiner Berliner Wohnung erhöht worden. Özdemir sagte dazu: "Es gibt leider auch eine türkische Pegida".

Auch die Integrationsministerin Aydan Özoğuz (SPD) war von türkischen Nationalisten kritisiert worden. Im Beitrag der Tagesschau warb sie allerdings für Verständnis für die türkischen Sentimentalitäten. Deutschland nehme zu wenig wahr, was in der Türkei weit über extremistische Kreise hinaus gedacht und gefühlt werde, "dass das nämlich wirklich eine echte Enttäuschung gerade darstellt".