Angela Merkel hat es wieder auf die leise Tour probiert. Sie hat, nachdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan das Blut deutscher Abgeordneter als "verdorben" bezeichnet hatte, am Dienstag lediglich gesagt, das sei "nicht nachvollziehbar". Eine kaltblütige Untertreibung, natürlich, aber auch der Versuch, nicht weiter zu eskalieren im ebenso belasteten wie wichtigen deutsch-türkischen Verhältnis.

Es hat nicht funktioniert. Das Bedürfnis nach starken und lauten Worten, nach einer breitbrüstigen Zurückweisung Erdoğans, war diesmal einfach zu groß. Man konnte das ablesen zum Beispiel an den Äußerungen des Grünen-Abgeordneten Konstantin von Notz der Merkels Einlassung "völlig unzureichend+skandalös" fand, und dafür beim Empörungskatalysator Twitter gefälligen Applaus bekam.

Am Donnerstagmorgen wurde dann Martin Schulz laut. In einem Schreiben des EU-Parlamentspräsidenten, das Spiegel Online zum Brandbrief erklärte, bezeichnete Schulz Erdoğans Angriffe als "absoluten Tabubruch". Fast zeitgleich eröffnete Norbert Lammert als Präsident die Sitzung des Bundestages mit einer knappen, aber klaren Erklärung, um die er von allen Fraktionen gebeten worden sei. Wer deutsche Abgeordnete bedrohe, greife damit das ganze Parlament an. Man werde darauf "entsprechend reagieren", mit allen gesetzlich möglichen Mitteln.

Erdoğans Äußerungen habe er im 21. Jahrhundert "nicht für möglich gehalten", sagte Lammert. Da applaudierte der ganze Saal, von Linkspartei bis CSU, wie es sonst nur bei Feierstunden und anderen Selbstvergewisserungsanlässen der Fall ist. Spätestens jetzt war klar: Die Löschversuche sind eingestellt.

Einerseits ist diese Eskalation verständlich. Auch eine Demokratie muss sich nicht alles gefallen lassen. Souveränität und freiheitliche Werte beweisen sich auch dadurch, dass sie verteidigt werden gegen Angriffe. Gerade für jene deutschen Abgeordneten mit türkischen Wurzeln (von denen übrigens längst nicht alle für die Armenien-Resolution gestimmt haben) ist dieser Rückhalt wichtig. Deutschland, ihr Land, muss ihnen die Gewissheit geben, dass Erdoğans Arm eben nicht bis zu ihnen reicht.

Andererseits ist die deutsche Politik nun noch ein Stück tiefer in das Polarisierungspingpong reingerutscht. In jenes Spiel also, mit dem Erdoğan wie alle erfolgreichen Autokraten seine eigene Macht festigt. 

Wir gegen Die: Das ist der Imperativ seiner Politik. Oppositionsparteien, Generäle, türkische und ausländische Medien, Kommunisten, Prediger, die CIA, Armenienlobby, Zionisten, Zinslobby, Banken, die Lufthansa, Umweltschützer: Sie alle hat Erdoğan schon zu Feinden der Türkei erklärt. Je länger die Liste wird, desto klarer ist die Botschaft an die eigenen Anhänger: Vertrauen könnt ihr nur mir. Und wer sich gegen mich stellt, verrät die Türkei.

So sehr die starken Worte von Lammert und Schulz sich von Erdoğans Politik distanzieren, so stärken sie den türkischen Präsidenten auch. Das ist das Dilemma, in das die deutsche und europäische Politik geraten ist. Es erklärt auch die sehr zurückhaltende Rhetorik der Kanzlerin in diesem und auch schon im extra-3-Fall. Dass Merkel mit ihrer Strategie diesmal nicht durchgekommen ist, liegt nicht nur am verständlichen Bedürfnis deutscher Parlamentarier, sich zu wehren. Es dürfte auch damit zu tun haben, dass Erdoğans Polarisierungstaktik nur allzu gut dazu passt, wie ein Teil der Politik und größere Teile des Medienbetriebs funktionieren: Für AfD und Linkspartei ist der türkische Premier längst zum Lieblingsfeindbild geworden. Die Rechtspopulisten können so ihre antimuslimische Haltung in Tagespolitik ummünzen, die Linken sehen sich vor allem als Stimme der Kurden, mit deren PKK sich der türkische Staat seit fast einem Jahr wieder tödliche Kämpfe liefert.