Der türkische Justizminister Bekir Bozdağ hat die Armenien-Resolution des Bundestages deutlich kritisiert. "Erst verbrennst du die Juden im Ofen, dann stehst du auf und klagst das türkische Volk mit Genozidverleumdung an", sagte er. Den Deutschen empfahl er: "Kümmere dich um deine eigene Geschichte." Dass in der Resolution von einem Genozid gesprochen werde, sei eine Verleumdung des Volkes, des Staates und der Geschichte der Türkei.

Die Regierung des Landes hat unterdessen ihren Botschafter aus Berlin zu Konsultationen zurückgerufen. Botschafter Hüseyin Avni Karslıoğlu werde zu Beratungen nach Ankara reisen, sagte Ministerpräsident Binali Yıldırım.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sagte bei seinem Besuch in Nairobi, er habe wegen der Bundestagsresolution mit Yıldırım telefoniert. "Die Entscheidung, die das deutsche Parlament getroffen hat, ist eine Entscheidung, die die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei ernsthaft beeinflussen wird." Nach seiner Rückkehr in die Türkei werde über die Angelegenheit beraten werden, sagte Erdoğan.

Yıldırım sagte, die Türkei werde nicht überreagieren und sich zum Beispiel beim Flüchtlingsdeal mit den Europäern vertragstreu zeigen. Ein Sprecher der Regierungspartei AKP sagte, dem türkischen Parlament werde eine Erklärung vorgelegt, die die deutsche Entscheidung zurückweisen werde.

In Ankara wurde außerdem der Geschäftsträger der deutschen Botschaft von der türkischen Regierung einbestellt. Das Gespräch sei für den Nachmittag geplant, berichtet die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf diplomatische Kreise. Der deutsche Botschafter Martin Erdmann hält sich diesen Angaben zufolge derzeit nicht in der türkischen Hauptstadt auf.

"Auf jeder Plattform die nötige Antwort geben"

Vertreter der türkischen Regierung kritisierten die Resolution des Bundestags als "null und nichtig". Das deutsche Parlament habe die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg auf der Grundlage "verzerrter und gegenstandsloser Unterstellungen" als Völkermord eingestuft und damit einen "historischen Fehler" gemacht, teilte Regierungssprecher Numan Kurtulmuş mit. Für die türkische Regierung sei die Entscheidung daher gegenstandslos. "Als Türkei werden wir auf diese Entscheidung natürlich auf jeder Plattform die nötige Antwort geben."

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu kritisierte die Bundestagsentscheidung als "unverantwortlich und haltlos". Die Türkei habe keine Nachhilfe von den Deutschen nötig. In der Bundesrepublik finde nur die armenische Seite Gehör. Hinter dieser Haltung vermutet sein Ministerium unter anderem eine "an Rassismus grenzende Türkei- und Islamfeindlichkeit". Çavuşoğlu warf Deutschland weiter vor, die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte überdecken zu wollen, indem "die Geschichte anderer Länder angeschwärzt wird". 

Vorwurf der Assimilation

Das Außenministerium sorgt sich vor allem darum, dass die Resolution darauf abziele, Türken und türkischstämmige Deutsche zu assimilieren. Ziel sei es, sie "von ihrer eigenen Geschichte und Eigenidentität zu entfremden". Von Schulkindern werde erwartet, dass sie eine Schilderung der Massaker an den Armeniern verteidigten, "die sie nicht glauben und von der sie wissen, dass sie nicht wahr ist".

Assimilation bedeutet im Unterschied zur Integration eine völlige Anpassung der Zuwanderer an eine Gesellschaft – auch Gebräuche oder Religion der alten Heimat werden dabei preisgeben. Die Bundesregierung hat in der Vergangenheit betont, niemand erwarte, dass sich die türkischstämmige Bevölkerung assimiliere.   

Bundeskanzlerin Angela Merkel – die der Abstimmung im Bundestag am Vormittag ferngeblieben war – betonte nach der Verabschiedung der Resolution die engen Verbindungen zwischen Deutschland und der Türkei. Auch wenn man in einer Frage unterschiedlicher Meinung sei, so seien doch die freundschaftlichen und strategischen Beziehungen gut, sagte sie. Die Bundesregierung wolle den Dialog zwischen der Türkei und Armenien fördern.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier befürchtet weitere Schritte der Türkei: "Ich hoffe, dass es uns gelingt, die nächsten Tage und Wochen miteinander so zu gestalten, dass es zu keinen Überreaktionen kommt", sagte Steinmeier in Argentinien. Der Minister sieht die Entscheidung des Bundestags skeptisch; er hatte wegen seiner Reise nach Südamerika nicht an der Debatte und Abstimmung des Parlaments teilgenommen.

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