Das Verhältnis zwischen der Europäischen Union und der Türkei wird durch neue Vorwürfe des türkischen Präsidenten belastet. Recep Tayyip Erdoğan brachte die Möglichkeit einer Volksabstimmung nach dem Beispiel Großbritanniens ins Gespräch, bei der die Türken über eine Fortsetzung der Beitrittsgespräche mit der EU abstimmen könnten. "Wir könnten fragen, sollen die Gespräche mit der Europäischen Union fortgesetzt werden oder nicht", sagte Erdoğan.

Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu warf er der EU vor, die Türkei im Beitrittsprozess hinzuhalten, weil sie ein mehrheitlich muslimisches Land sei.

Kurz vor Erdoğans Ansprache zum abendlichen Fastenbrechen hatte es aus der EU geheißen, am 30. Juni solle ein neuer Verhandlungsbereich mit dem Kandidatenland Türkei eröffnet werden. Dabei gehe es um das Kapitel 33, das Finanz- und Haushaltsbestimmungen regelt, berichtete ein EU-Diplomat in Brüssel. Damit löst die EU eine Zusage des Gipfels der Staats- und Regierungschefs von Mitte März ein, diesen Bereich bis Ende Juni zu öffnen.

In seiner Ansprache erhob der Präsident auch schwere Anschuldigungen gegen die EU und ihre Spitzenvertreter. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker warf er vor, das türkische Volk "nicht zu kennen". Die Türken seien nicht auf EU-Visumfreiheit oder das geschlossene Flüchtlingsrücknahmeabkommen angewiesen, sagte Erdoğan. Der Streit um das Abkommen und die Visumfreiheit habe gezeigt, dass die Europäer nicht vertrauenswürdig seien. "Ihr haltet eure Versprechen nicht. Eben das ist euer hässliches Gesicht. Weil Erdoğan dieses hässliche Gesicht entlarvt, dreht ihr durch."

Deswegen sei die EU bestrebt, ihn "loszuwerden". Die EU hatte mit der Türkei vereinbart, dass sie illegal nach Griechenland weitergereiste Flüchtlinge zurücknimmt. Im Gegenzug sollte für die Türkei Visafreiheit gelten. Das Abkommen ist jedoch an eine Reihe von Bedingungen geknüpft, die bisher nicht erfüllt sind. Unter anderem weigert sich die Regierung, heimische Antiterrorgesetze zu entschärfen. Schon vor Wochen hatte sich Erdoğan darüber empört, dass die EU angeblich im Nachhinein Bedingungen stelle.