Gut möglich, dass sie oder er heute stirbt. Ausgerechnet heute. Vielleicht trifft es einen ukrainischen Soldaten, einen der unerfahrenen jungen Anfangzwanzigjährigen, einen Andri oder Sascha oder Oleg oder Maxim. Vielleicht wird es auch eine Frau treffen, eine Maria, Katia oder Anastasia, eine der Frauen, die immer noch in Donezk, Mariupol oder Marjinka im südöstlichsten Zipfel der Ukraine wohnen.

Es wäre schon ein komischer Zufall, wenn gerade dann, wenn der neue Ministerpräsident der Ukraine gar nicht in der Ukraine ist, dort der zehntausendste Mensch dem Krieg zum Opfer fällt. Denn dieser Krieg geht weiter, Tag für Tag, Woche für Woche. Und laut Statistiken der Vereinten Nationen und der ukrainischen Regierung könnte die Ziffer, die die Anzahl der Toten benennt, dieser Tage fünfstellig werden.

Ein anderer Zufall hängt mit Fußball zusammen. Am Montag, als Wolodymyr Hrojsman für seinen ersten Staatsbesuch in Berlin angekommen ist, um sich vor dem Kanzleramt von Angela Merkel mit militärischen Ehren begrüßen zu lassen, scheint die Sonne durch ein paar Wolkenfetzen, so wie beim Finale der Euro 2012. Und am Abend spielt wieder Italien gegen Spanien, genau die Partie, mit der die vergangene EM in Kiew zu Ende ging.

Knapp vier Jahre ist das her. Und Hrojsman erinnert sich noch gut daran. Damals, als in der Ukraine noch niemand mit einer EU-Fahne in der Hand gestorben war, sah er das Spiel als Bürgermeister der Stadt Winnyzja live. Heute ist er Ministerpräsident.

Kanzlerin Merkel und der ukrainische Ministerpräsident Wolodymyr Hrojsman in Berlin © Sean Gallup/Getty Images

Zwischen diesen beiden Fußballpartien starben etwa 10.000 Menschen. Die ersten auf dem Maidan bei der Euromaidan-Revolution, als die Demonstranten für eine Annäherung an Europa protestierten. Die nächsten Todesopfer gab es nach der Annexion der Krim in der Ostukraine, im Krieg um die selbst ernannten und von Russland unterstützten Volksrepubliken Donezk und Luhansk.

Hrojsman will an all diese Ereignisse jetzt erinnern, aber es fällt ihm schwer, weil seine Zuhörer in Deutschland die Mahnungen aus der Ukraine schon oft gehört haben: bei den Berlin-Besuchen von Hrojsmans Vorgänger Arseni Jazenjuk und auch bei Hrojsmans politischem Ziehvater, dem Präsidenten der Ukraine, Petro Poroschenko. Aber schon da schien das Interesse der Deutschen an dem seit zwei Jahren anhaltenden Krieg eher gering.

Deshalb sind die Organisatoren des ersten öffentlichen Auftritts Hrojsmans in Deutschland froh über jeden Gast. Sie bedanken sich bei allen Zuhörern, die statt auf die EM-Fanmeile zur Eröffnungsrede des ukrainischen Ministerpräsidenten gekommen sind.