Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) fürchtet im Fall des Brexits um die Bodenhaftung der Europäischen Union. "Die Deutschen neigen in Europafragen zur Schwärmerei, die Franzosen zu großem Pathos, die Italiener beeindrucken mit Improvisationskunst – all dies erden die Briten mit ihrer Skepsis, ihrem Understatement und ihrem grandiosen Pragmatismus", sagt von der Leyen im Interview mit der ZEIT.

"Verlassen die Briten die EU, dominiert das Hochfliegende." Ein Ziel müsse sein, die Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen. Die Staatengemeinschaft dürfe nicht an dem Punkt stehen bleiben, an dem sie jetzt sei. "Das Europa meiner Kinder oder Enkelkinder stelle ich mir aber schon so vor, dass es kein loser Verbund in nationalen Interessen verhafteter Staaten sein wird", sagt von der Leyen.

Die Verteidigungsministerin nimmt damit Bezug auf den möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU, über den am 23. Juni per Referendum entschieden wird. Ein Vorwurf der Brexit-Befürworter lautet, dass die immer tiefere Integration der EU zum Selbstzweck verkommen sei. Das stimme nicht, sagt von der Leyen. "Wer aber die Vorteile eines politischen Bündnisses, eines gemeinsamen Marktes mit 500 Millionen Menschen nutzen will, muss auch bereit sein, den Preis dafür zu zahlen – und einen Teil der eigenen Souveränität in das gemeinsame einbringen."

Die Verteidigungsministerin befürchtet, dass Europa sicherheitspolitisch an Bedeutung und Einfluss verlieren werde, sollten die Briten die EU verlassen. Einerseits ginge damit eine "zentrale transatlantische Klammer" verloren. Andererseits spräche im UN-Sicherheitsrat künftig nur noch eine Stimme für Europa – und nicht wie bisher zwei.

Auch für Großbritannien habe ein Brexit negative sicherheitspolitische Konsequenzen. "Großbritannien würde im Sicherheitsrat nicht mehr für 500 Millionen Europäer die Hand heben, sondern nur noch für 64 Millionen Briten."

Die Briten dürften "zwar auf die Unzulänglichkeiten der EU schimpfen". Doch ihre Kritik dürfe nicht zu einem "Nein zum Jahrhundertprojekt Europa" überhöht werden. Der Beitritt der Briten vor 43 Jahren habe sowohl zu großen Erfolgen für Europa, aber auch für die Briten geführt. "Das wird leider vergessen", sagt die Ministerin.

Brexit - Die Briten und ihre Beziehungen zur EU Die Briten haben für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Seit dem Beitritt haben die Briten immer wieder eine Sonderrolle beansprucht. Diese Videografik erklärt warum.