"Unsere Gedanken und Gebete gelten den Opfern." Das ist der bleierne Standardsatz für Politiker in den USA, sobald die Nachricht von einem Attentat mit Schusswaffen oder einem Amoklauf um die Welt geht. Der Umgang mit solchen Taten ist zu einer schrecklichen Normalität geworden. Die Opfer werden betrauert, den Angehörigen wird Mitgefühl ausgesprochen, Blumen werden niedergelegt und nach den Motiven der Täter geforscht.

Über die Hintergründe der jüngsten Tat in Orlando, bei der ein Attentäter am Sonntag in einem Club für Schwule und Lesben mindestens 50 Menschen tötete, ist noch wenig bekannt. Handelte Omar M. aus religiösen Motiven und hatte Verbindungen zum "Islamischen Staat" (IS)? Oder war sein Hass auf Schwule und Lesben Auslöser der Tat? Die Ermittlungen werden in den kommenden Tagen vielleicht Antworten darauf liefern.

Sicher ist kurz nach dem Attentat lediglich eins: Erneut ist es einem Täter gelungen, sich schwer zu bewaffnen, um seine Tat zu begehen. Omar M. trug eine Pistole und ein Sturmgewehr bei sich. Auch das ist eine traurige Realität in den USA: Trotz immer neuer Horrormeldungen über Opfer von Schusswaffen ändert sich an den in weiten Teilen des Landes laxen Waffengesetzen nichts.

Forderungen nach strikteren Waffengesetzen werden von linken und liberalen Amerikanern nach jeder Gewalttat gestellt. Bernie Sanders war einer der ersten, der nach der Tat striktere Waffengesetze forderte. Genauso reflexhaft ist die Verteidigung des zweiten Verfassungszusatzes von Konservativen und Waffenbefürwortern. Der zweite Verfassungszusatz bildet die Grundlage für die Waffengesetzgebung und garantiert jedem Bürger das Recht, eine Waffe zu tragen. In einem Grundsatzurteil, District of Columbia v. Heller, entschied der Oberste Gerichtshof des Landes 2010, dass der Passus in der Verfassung genau so auszulegen sei: Jeder hat das Recht, eine Waffe zu tragen. Ein großer Sieg für die Waffenlobby.

Die größte und mächtigste Organisation, die "National Rifle Assosiation" (NRA), pumpt Millionen in Kampagnen von republikanischen Kandidaten für den Kongress, um sicherzustellen, dass Waffengesetze möglichst nicht verschärft werden. Sie bewertet darüber hinaus die Kandidaten nach einem Schulnotensystem. Die beste Note erhält, wer sich für grenzenlose Waffenfreiheit einsetzt. Wer moderate Gesetzesänderungen befürwortet, wird von der NRA abgestraft und finanziell nicht mehr unterstützt. Donald Trump, Präsidentschaftskandidat der Republikaner, hat bereits die Unterstützung der Waffenlobby erhalten – nachdem er sich öffentlich zur Verteidigung des Zweiten Verfassungszusatzes bekannt hatte.

Sturmgewehre verbieten? Lieber nicht.

Die Demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton hat mehrfach angekündigt, den Kurs von Barack Obama beim Thema Waffengesetze fortsetzen zu wollen und noch zu verschärfen. Der Präsident hatte im Januar angekündigt, per präsidialem Erlass die Gesetze zu verschärfen. Schlupflöcher bei Waffenverkäufen sollen geschlossen werden. Zudem soll Geld investiert werden, um die Einhaltung der Waffengesetze zu kontrollieren. Im Kongress sind mehrfach Gesetzesänderungen gescheitert. Immer am Widerstand der Republikaner. Zuletzt hatten Demokraten nach dem Amoklauf an einer Schule in Connecticut 2012 mit 28 Toten, darunter 20 Kindern, versucht, Sturmgewehre zu verbieten und Hintergrundchecks bei Waffenverkäufen auszubauen. Vergeblich.

Als es im Oktober vergangenen Jahres zu einem Amoklauf an einem College in Oregon kam, sagte Obama in einer emotionalen Rede, wie abgestumpft die Nation sei. Neben dem in der Verfassung festgeschriebenen Gesetz auf eine Waffe regelt jeder Bundesstaat in den USA seine Waffengesetze selbst. In manchen Bundesstaaten brauchen Bürger eine Lizenz, um eine Waffe zu besitzen, müssen Hintergrundchecks durchlaufen und die Waffe sicher verschließen. In anderen Bundesstaaten gibt es all das nicht und gerade auf Waffenmessen werden Pistolen auch mal aus dem Rucksack heraus von Privatmann zu Privatmann verkauft. Ausweis unnötig, Lizenz sowieso.

In Florida brauchen Käufer weder eine Lizenz, um Waffen zu kaufen, noch müssen sie ihre Gewehre und Pistolen registrieren. Es gibt keine Beschränkungen für Sturmgewehre oder Magazine mit großer Kapazität und keine Hintergrundchecks.

Als Reaktion auf die Tat in Orlando gingen Trump und andere Republikaner nicht auf Waffengesetzgebungen ein, sondern versteiften sich auf den möglichen islamistischen Hintergrund der Tat. Trump forderte in einem Tweet, das Land müsse endlich "schlauer und wachsamer" sein wenn es um islamistischen Terror geht. Clinton spricht in einem auf Facebook veröffentlichten Statement von einem Terrorakt und betont, dass "Waffen auf unseren Straßen keinen Platz haben". Dass Trump die Tat auch weiterhin für seinen Wahlkampf nutzen wird, daran kann kaum ein Zweifel bestehen.

Es oblag Präsident Obama, nur wenige Stunden nach der Tat vor die Kameras zu treten und zum wiederholten Male während seiner Amtszeit zu versuchen, die Waffengewalt in Worte zu fassen. "Das Massaker ist eine Erinnerung daran, wie leicht es für jemanden ist, an eine Waffe zu gelangen und in einer Schule, oder an einem Ort der religiösen Andacht, oder einem Kino oder einem Nachtclub um sich zu schießen", sagte er über das tödlichste Schusswaffenattentat in der Geschichte des Landes. "Wir als Nation müssen uns überlegen, ob wir so ein Land sein wollen. Und aktiv nichts zu tun, ist auch eine Entscheidung."

Die Organisation des "Gun Violence Archive" hat allein für das vergangene Jahr 330 Massenschießereien in den USA dokumentiert. Grundsätzliche Änderungen im Waffenrecht hat es nicht gegeben. Die Chancen stehen nicht gut, dass die Tat in Orlando daran etwas ändert.