Als der Putsch vollzogen war, herrschte für einige Sekunden Stille. In dem verrauchten Straßencafé in einem Kairoer Wohnviertel nahe der Innenstadt hockten die Menschen zusammengedrängt und schweigend zusammen. Gebannt starrten wir auf den Bildschirm, auf Generalstabschef Abdel Fattah al-Sissi, der im ägyptischen Staatsfernsehen gerade in Uniform und mit fester Stimme verkündet hatte: Der islamistische Präsident Mohammed Mursi ist aus dem Amt enthoben, das Militär übernimmt ab jetzt die politische Kontrolle in Ägypten. Dann begann das Geschrei.

Der Freudentaumel der Ägypter, die im Sommer vor drei Jahren die Machtübernahme der Militärführung von den Muslimbrüdern feierten, hielt über Stunden an. Ich war erst wenige Wochen zuvor nach Kairo gezogen, um in den kommenden zweieinhalb Jahren als Journalistin über die Umbrüche im Land zu berichten. Nun also, in dieser Nacht des 3. Juli 2013, wetzten lachende Menschen durch die Straßen meines Viertels, fläzten auf den Bürgersteigen, tanzten auf dem Asphalt, stimmten unter Eukalyptusbäumen Lieder wie Let it be an, viele schrien: "Die Armee hat den Willen des Volkes gehört." Autos drängten vorüber, die Ägyptenflagge auf dem Dach, aus den heruntergekurbelten Fenstern drangen Sprechchöre: "Misr el Horreya." Freiheit für Ägypten.

Eine Mauer am Kairoer Tahrir-Platz, die das ägyptische Militär zur Abwehr von Demonstranten errichtet hat. © Andrea Backhaus

Doch in die Freude mischte sich bei vielen schnell ein anderes Gefühl. Eine dumpfe Furcht, wie es unter dem damaligen Militärchef und heutigen Präsidenten Abdel Fattah al-Sissi weitergehen würde. Denn vor allem den jungen Ägyptern war die Brutalität der Armee bekannt: Kurz nach dem Rücktritt des Langzeitpräsidenten Hosni Mubarak im Winter 2011 schlug der Militärrat die Jubelfeiern der Revolutionäre auf dem Tahrir-Platz nieder. Die Armee beanspruchte schon da einen Staat im Staate – mit aller Gewalt. Armeeführung und Sicherheitskräfte gingen mit Gummigeschossen und Gewehren auf all jene Aktivisten los, die zuvor wochenlang friedlich für Freiheit und Gerechtigkeit demonstriert hatten.

Im Sommer 2013 wurde aus der dunklen Ahnung schnell brutale Realität. Wenige Tage nach Mursis Sturz schoss die Armee auf Mitglieder der Muslimbrüder, tötete mehr als 51 Menschen, verletzte mehr als 400. Danach sahen wir auf Kairos Straßen Szenen, die wir jetzt auch aus Istanbul und Ankara kennen: Panzer, die Kreuzungen blockieren, Soldaten, die gezielt in die Menge schießen, abgedeckte Leichen. Die türkischen Fotografen Bülent Kilic und Ozan Köse, die für die Fotoagentur AFP die Nacht des Putschversuches in der Türkei fotografierten, beschreiben ihre Beobachtungen auf der Istanbuler Bosporus-Brücke so: "Es erinnerte an Ägypten. In Ägypten begannen die Menschen zu marschieren, und die Soldaten schossen einfach auf sie. Genau das passierte hier auch."

Die entfesselte Gewalt gegen das eigene Volk

Es sind nicht nur die Bilder einer entfesselten Gewalt der Armee gegen das eigene Volk, die den Vergleich mit Ägypten nahelegen. Es gibt strukturelle Parallelen: In beiden Ländern hat die Armee gegen einen islamistisch ausgerichteten Präsidenten geputscht. In der Türkei ist der Versuch gescheitert, Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und seine moderat islamistische AKP zu stürzen, in Ägypten war der Militärputsch gegen den 2012 gewählten islamistischen Präsidenten Mursi erfolgreich. In beiden Ländern stehen sich ein islamistisches und ein eher säkular-nationalistisches Lager, das vom Militär unterstützt wird, erbittert gegenüber. Unklar ist in beiden Ländern, wie politisch der Islam sein darf, kann und soll.

Sicher: Stärker als in der Türkei besetzt das Militär in Ägypten seit Jahrzehnten fast alle Sphären des wirtschaftlich-politischen Lebens. Mursis Sturz gelang auch deshalb, weil sich das Militär als Retter des Volkes vor den vermeintlich rückwärtsgewandten Islamisten inszenieren konnte – und so auf breite Unterstützung der armeefreundlichen, eher säkularen Ägypter setzen konnte. In der Türkei hingegen fehlte den Putschisten die Unterstützung durch zivile Gruppen und weite Teile der Armee.

Jubelnde Anhänger von Präsident Abdel Fattah al-Sissi auf der Kasr-el-Nil-Brücke in Kairo © Andrea Backhaus

Doch vor allem weist das rigoros autoritäre Vorgehen zweier zunehmend skrupelloser Machthaber unübersehbare Analogien auf: Sissi geht so rigoros gegen Andersdenkende vor wie kein ägyptischer Präsident vor ihm. Mehr als 40.000 Menschen sollen in Haft sein, Experten sprechen von der größten Einschüchterungswelle gegen Dissidenten in Ägyptens jüngerer Geschichte. Das Sissi-Regime wolle alle kritischen Stimmen ausschalten, warnen Menschenrechtler. Das trifft auch auf Erdoğan zu, der derzeit sein Land umbaut: Seit dem Putschversuch ließ er Zehntausende Soldaten, Polizisten, Richter und Lehrer festnehmen oder suspendieren. Türkische Journalisten und Intellektuelle werden verfolgt, Wissenschaftler dürfen das Land derzeit nicht verlassen. Erdoğan hat den Ausnahmezustand ausgerufen, kann Ausgangssperren verhängen und Demonstrationen verbieten lassen. Genauso ging Sissi nach dem Putsch vor. Und: Weder Sissi noch Erdoğan nutzen die Umbrüche in ihren Ländern als Chance, mit dem gegnerischen Lager in Dialog zu treten und politische Kompromisse suchen. Im Gegenteil: Sie treiben die Polarisierung in ihrer Bevölkerung voran, um die eigene Macht zu sichern. Wie gefährlich diese Spaltung ist, zeigt die Entwicklung Ägyptens paradigmatisch.