Bei einem Anschlag auf friedliche Demonstranten in der afghanischen Hauptstadt sind nach Regierungsangaben mindestens 80 Menschen getötet und 231 weitere verletzt worden. Es sei möglich, dass die Opferzahlen noch steigen. Hunderte Angehörige der ethnischen Minderheit der Hazara hatten in Kabul für den Bau einer Stromtrasse in ihrer Region demonstriert, als es zwei Explosionen gegeben habe. Mindestens drei Selbstmordattentäter hatten sich den Demonstranten genähert, teilte das Innenministerium mit. Einer der drei sei von der Polizei "niedergeschossen" worden, die anderen beiden habe ihren Sprengstoff gezündet. Die Plattform Amak, die der Terrormiliz IS nahesteht, teilte mit, dass sich zwei IS-Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürteln in einer Menge von Schiiten in die Luft gesprengt hätten. Die Terrormiliz konkurriert in Afghanistan mit den radikalislamischen Taliban.

Wegen der Demonstration der Hazara war Kabul weitgehend abgeriegelt worden. Die Polizei blockierte wichtige Zufahrtsstraßen mit Lastwagen und Containern, um die Teilnehmer von der Innenstadt fernzuhalten. Ziel der Kundgebung war die Verlegung einer geplanten Stromtrasse. Zwei Selbstmordattentäter näherten sich den Demonstranten, die sich auf dem Demasang-Platz versammelt hatten. Einer der beiden sei von der Polizei angeschossen worden, der andere habe seinen Sprengstoff gezündet. Nach der Explosion hielten wütende Demonstranten Polizei und Sicherheitskräfte davon ab, zum Ort des Geschehens zu kommen. Einige warfen Steine auf die Beamten.

Die Hazara stellen etwa 15 Prozent der etwa 30 Millionen Menschen in Afghanistan. Sie gelten als arme, oft diskriminierte Minderheit. Viele von ihnen sind Schiiten. Der IS wird von sunnitischen Extremisten geführt.

Die neue Stromleitung Tutap sollte ursprünglich durch das Siedlungsgebiet Bamian der Hazara im Zentrum Afghanistans gehen, wurde dann aber umgeplant. Die Hazara werten dies als Beleg für Vorurteile gegen ihre Bevölkerungsgruppe.

Tutap gilt als wichtiges Entwicklungsprojekt, da derzeit weniger als 40 Prozent der Afghanen einen Stromanschluss haben. Fast 75 Prozent der Elektrizität wird importiert. Hinter Tutap stehen die Asiatische Entwicklungsbank sowie Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan. Planer erklären die Verlegung der Strecke mit Kostengründen.

Die Hazara beharren auf der ursprünglichen Route durch Bamian. Schon im Mai hatten Zehntausende für dieses Ziel demonstriert. Jetzt waren es deutlich weniger.

Präsident Aschraf Ghani verurteilte den Anschlag. "Friedliche Demonstrationen sind das Recht jeden Bürgers von Afghanistan, und die Regierung wird alles ihr Mögliche tun, sie zu sichern", erklärte Ghani.

Amnesty International warnte, solche Angriffe seien eine Erinnerung, "dass der Konflikt in Afghanistan nicht zu Ende geht, wie manche es glauben, sondern eskaliert."