Die Aussage des Tages lieferte am Montag Diane Abbott, die engste und loyalste Vertraute des Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn: Dessen Herausforderin Angela Eagle, sagte Abbott am Morgen in einem BBC-Interview, sei eine Das-Imperium-schlägt-zurück-Kandidatin. Eagle, blonder Kurzhaarschnitt, klein und freundlich, erinnert zwar kaum an die Stormtrooper aus Star Wars, doch den Ton des bitteren Streits um die Zukunft der Labour-Partei spiegelte Abbotts Einwurf exakt.

Die von Abbott attackierte Herausforderin erklärte sich nur wenige Stunden später. "Jeremy Corbyn ist unfähig, die Führung zu zeigen, die wir jetzt brauchen", sagte Angela Eagle vor Journalisten in einem angemieteten Saal am Londoner Themseufer. "Ich denke, ich dagegen bin fähig dazu."

Kein Zweifel: Die Stimmung in der Labour-Partei ist extrem angespannt, seit am 28. Juni 172 Abgeordnete der Partei ihrem Vorsitzenden das Misstrauen aussprachen – nur 40 hielten zu ihm. Damit stimmten 80 Prozent dafür, dass Corbyn geht. Er blieb. Seit zwei Wochen warten die Genossen nun darauf, dass Eagle gegen Corbyn aufsteht.

Als sie am Samstag endlich ihre Kandidatur ankündigte, war das für viele der erleichternde Donnerschlag. Doch Corbyn und seine Getreuen berufen sich weiterhin darauf, dass er im September von 60 Prozent der Parteimitglieder gewählt wurde. 250.000 Stimmen, die er nicht enttäuschen dürfe.

Vergiftete Atmosphäre in Ortsverbänden

Labour ist zerrissen. Auf der einen Seite steht die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten, auf der anderen die Mehrheit der Parteimitglieder. Das führt zu hässlichen Szenen. Bei einem Treffen des Ortsverbandes in Bristol beschimpften Parteimitglieder ihre Wahlkreisabgeordnete als "Verräterin", weil sie für den Misstrauensantrag gegen Corbyn gestimmt hatte. Andere Genossen, die den Vorsitzenden kritisierten, wurden von Anhängern der Basisbewegung Momentum niedergeschrien. Die Atmosphäre sei "vergiftet" gewesen, schilderte eine der Anwesenden. Sie und ein Freund hätten die Versammlung schließlich unter Tränen verlassen. Ähnliche Auseinandersetzungen werden aus anderen Ortsverbänden berichtet.

Zwei tief verfeindete Fraktionen stehen sich gegenüber. Hier diejenigen, die in Jeremy Corbyn die Hoffnung sehen für einen frischen, prinzipientreuen Neuanfang; dort diejenigen, die verzweifeln an Corbyns mangelnder Fähigkeit, über den Kreis seiner Anhänger hinaus traditionelle Labour-Wähler zu erreichen und eine breite, wirksame Opposition gegen die regierende Partei der Konservativen auf die Beine zu stellen. Sein Versagen schließlich, Labour-Wähler gegen den Brexit zu mobilisieren, trieb die Verzweiflung auf den Höhepunkt.

Angela Eagle tritt an als Heilerin des tiefen Risses, der Labour von Labour trennt. Für die Partei geht es um die Existenz. "Dies sind dunkle Zeiten für Labour. Und es sind gefährliche Zeiten für unser Land", begründete Eagle ihre Kandidatur. Sie weigere sich, einfach "zurückzutreten und zuzuschauen, wie Britannien ein Tory-Staat wird. Es geht darum, den Menschen die Hoffnung zu geben, dass Labour eine Alternative für die Regierung des Lands ist, bereit zu dienen". Unter Corbyn, so fürchten drei Viertel der Labour-Abgeordneten, passiere genau das: Labour verliere das Volk, Wähler fühlten sich von Corbyns Salonsozialismus nicht vertreten, die Konservativen könnten oppositionsfrei regieren.

Unter Eagle, halten Corbyn-Anhänger dagegen, verlöre die Partei ihre Prinzipien: Eagle stimmte für den Irak-Krieg und für die Bombardierung in Syrien, für die Einführung von Studiengebühren und nicht gegen die Kürzungen der Sozialhilfe, die die konservative Regierung durchsetzte.

Eagles Erfahrung könnte nicht reichen

Doch wäre Eagle überhaupt eine glaubhafte Kandidatin für das Amt der Premierministerin, als Alternative zu Theresa May? Die 55-Jährige bringt reiche Erfahrung aus 14 Jahren als Abgeordnete mit. Unter Premierminister Gordon Brown war sie Staatssekretärin im Finanz- und dann im Arbeits- und Rentenministerium. Unter Oppositionsführer Ed Miliband und schließlich auch unter Jeremy Corbyn diente sie als Schattenministerin – bis zu ihrem Rücktritt am 27. Juni, als eine von Dutzenden Schattenkabinettsmitgliedern, die dem Labour-Vorsitzenden davonliefen. Eagle kommt aus einem klassischen nordenglischen Arbeiterhaushalt. Ihr Vater war Drucker, ihre Mutter Näherin. Sie und ihre Zwillingsschwester Maria träumten bereits im Grundschulalter von einer Karriere als Abgeordnete. Beide verwirklichten ihren Traum.

Erfahrung und ein gutes Labour-Netzwerk könnten trotzdem nicht ausreichen, um Corbyn zu entthronen. Dessen Anhängerschaft an der Parteibasis ist stark. Corbyn hält auf jeden Fall an seinem Posten fest. Denjenigen Abgeordneten, die ihn bei der anstehenden Wahl eines neuen Parteivorsitzenden von der Kandidatenliste fernhalten zu können hoffen, weil er die nötige Anzahl von Abgeordneten für eine Nominierung nicht hinter sich bringen könne, droht er mit seinen Rechtsanwälten: Als amtierender Vorsitzender müsse ihm das Recht zur Kandidatur eingeräumt werden.

Beifall klatschte dazu Corbyns Überloyalistin Diane Abbott im BBC-Interview: Labour-Abgeordnete seien schließlich zuerst ihrer Partei und deren Vorsitzenden verantwortlich. Corbyn selbst hielt sich in seinen Jahrzehnten auf der Labour-Hinterbank nicht an diese autoritäre Maxime. Er gehörte zu den Abgeordneten, die am häufigsten gegen die Fraktion und deren Führung stimmten.