Den Rettungskräften bot sich ein Bild des Horrors. Verkohlte Leichen, verzweifelt schreiende Verwundete und kollabierte Gebäude. Die ganze Nacht loderten haushoch die Flammen über dem Karrada-Viertel von Bagdad. Erst nach Stunden konnte die Feuerwehr die Brände unter Kontrolle bringen.

Zehntausende Menschen waren am Samstagabend nach dem Ramadan-Fastenbrechen in der populären Einkaufsmeile unterwegs, saßen in Cafés, Restaurants oder in einer der beliebten Saftbars, als gegen Mitternacht die Attentäter des "Islamischen Staates" (IS) zuschlugen. Ihre Megabombe war in einem Kühl-Lastwagen versteckt. Mehr als 200 Iraker starben, darunter viele Kinder. Dutzende Menschen sind vermutlich noch unter den Ruinen verschüttet. Mehr als 300 Menschen wurden verletzt. Es war das schlimmste Attentat des IS auf irakischem Boden seit Jahresbeginn. 

Der Anschlag fand eine Woche nach der verheerenden militärischen Niederlage der Terrormiliz in Falludscha stattt. Ganze vier Wochen brauchten die irakischen Spezialeinheiten, um die IS-Kämpfer aus der Stadt zu vertreiben, die seit Anfang 2014 in deren Hand war und neben Mossul als die wichtigste IS-Bastion in Mesopotamien galt. Am Ende flohen die Dschihadisten – zuerst die Kommandeure und radikalen Imame, Tage später versuchten die einfachen Kämpfer die Flucht in einem elf Kilometer langen Fahrzeugkonvoi. Der wurde noch vor den Toren Falludschas von US-Kampfjets und irakischen Hubschraubern entdeckt und zusammengeschossen.

Noch nie seit der Gründung des "Islamischen Kalifates" vor zwei Jahren stand die Terrormiliz militärisch so unter Druck, wie in den vergangenen Wochen. Nach dem Fall von Falludscha kontrollieren die Anhänger von Abu Bakr al-Baghdadi im Irak nur noch rund 15 Prozent des Staatsgebietes. Und die iraktische Armee rüstet für die letzte Phase, die Rückeroberung der Millionen-Stadt Mossul. In Syrien droht der IS die Nachschubverbindung über die Türkei zu verlieren. Eine arabisch-kurdische Streitmacht umzingelte – von US-Kampfjets gestärkt – die strategisch wichtige Stadt Manbij, die bislang zentraler Anlaufpunkt für neue IS-Rekruten war und in der vermutlich die Mordtaten in Paris und Brüssel geplant wurden. 

Die Kampfmoral der IS-Kämpfer hat gelitten

Die syrische Armee wiederum rückt mit russischer Luftunterstützung auf Tabka vor, in deren Nachbarschaft das größte Wasserkraftwerk Syriens liegt, was auch die IS-Hauptstadt Rakka versorgt. Westliche Geheimdienste schätzen, dass mittlerweile nur noch 200 neue Dschihadisten pro Monat ins Kalifatsgebiet einsickern, im Jahr 2015 dagegen waren es durchschnittlich 2.000. Umgekehrt steigt die Zahl der herausgeschmuggelten Notrufe. Über 150 rückkehrwillige Dschihadisten baten in den vergangenen Wochen Diplomaten westlicher Länder um Hilfe, um das IS-Gebiet verlassen zu können.

Die Führung der Terrormiliz weiß, dass die Kampfmoral in den eigenen Reihen gelitten hat. In Falludscha verweigerten sich Dschihadisten den Befehlen ihrer Kommandeure und warfen ihnen über Funk Feigheit vor, wie die irakische Armee abhören konnte. Und so versuchte IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani, die Kämpfer in einer 30 Minuten langen Audiobotschaft zu beruhigen und gleichzeitig auf eine neue Terrorexistenz ohne eigenes Kalifat einzuschwören. Selbst wenn der IS die Kontrolle über seine Mossul im Irak, Sirte in Libyen oder Rakka in Syrien verlieren sollte, wäre dies keine Niederlage, sagte er. "Eine Niederlage ist es nur, wenn wir die Überzeugung und den Willen zum Kampf verlieren", sagte al-Adnani und beschwor die IS-Anhänger, den Ramadan für neue Anschläge zu nutzen – vor allem in Europa und den USA.

Die angekündigte Terrorserie im islamischen Fastenmonat erlitten neben Bangladesch in erster Linie die nahöstlichen Nachbarstaaten Syriens. In Jordaniens Grenzgebiet sprengte sich am 21. Juni ein Selbstmordattentäter in die Luft und riss sieben Soldaten mit in den Tod. Als Reaktion machte Amman die Übergänge nach Syrien dicht und erklärte die Grenzregion zum militärischen Sperrgebiet.

Auf freiem Feld, unter brütender Sonne

Seitdem spielen sich dort unbeschreibliche Szenen ab. 70.000 syrische Flüchtlinge, die Hälfte von ihnen Kinder, kampieren auf freiem Feld in der brütenden Sonne. Hilfsorganisationen dürfen die Menschen nicht mehr mit Wasser und Essen versorgen, eine Notklinik musste auf jordanischen Druck schließen. 

Im Libanon griffen sechs Tage später, am 27. Juni, acht Terroristen das von Christen bewohnte Grenzstädtchen Al-Kaa an. Sie sprengten sich nahe der Kirche und dem Bürgermeisteramt in die Luft. Fünf Bewohner starben, 15 wurden verwundet. Tagelang trauten sich die Menschen nicht mehr aus ihren Häusern. Gleichzeitig konnte die libanesische Polizei in Beirut fünf Verdächtige verhaften, die offenbar Anschläge auf das Kasino und die Hamra-Flaniermeile im Osten der Hauptstadt geplant hatten.

Einen Tag später, am Abend des 28. Juni, starben in der Türkei bei einer Kommandoaktion von drei IS-Selbstmordattentätern auf dem Flughafen von Istanbul 45 Menschen, 200 wurden verletzt, 20 von ihnen liegen noch auf der Intensivstation. "Die Bomben hätten in jeder Stadt der Welt explodieren können", sagte Präsident Recep Tayyip Erdoğan und rief alle Staaten und Völker auf, gemeinsam gegen den Terror zu kämpfen. Anderenfalls könnten bald "Dinge geschehen, an die wir heute noch nicht einmal zu denken wagen."