Die Berufung des Brexit-Wortführers Boris Johnson zum britischen Außenminister hat Verwunderung bei deutschen Politikern ausgelöst. Die Entscheidung der neuen britischen Premierministerin Theresa May ist nach Ansicht der SPD kein Zeichen der Stärke. "Frau May wirkt schwächer durch eine solche Personalentscheidung", sagte der stellvertretende SPD-Chef Ralf Stegner. Johnson sei bisher nicht als herausragender Diplomat in Erscheinung getreten. "Jetzt verhandelt er den Brexit. Gute Reise!", sagte  Stegner. Für Großbritannien und die EU dürften harte Zeiten anbrechen.

Für die Verhandlungen über den EU-Ausstieg schuf May allerdings eigens den Posten des Brexit-Ministers, den der langjährige Ausstiegsbefürworter David Davis bekleiden wird. Johnson wird nur indirekt an den Gesprächen beteiligt sein.

Das US-Außenministerium will an einer guten Zusammenarbeit mit Großbritannien festhalten und betonte nach der Bekanntgabe der Nominierung Johnsons, dass das Verhältnis nicht von Personen abhängig sei. Es sei "wahrlich eine Beziehung, die über Persönlichkeiten hinausgeht", teilte Behördensprecher Mark Toner mit.

Ganz anders der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault: Er wertete die Ernennung Johnsons als ein "Zeichen für die politische Krise" in Großbritannien. Dennoch sei er "überhaupt nicht in Sorge, was Boris Johnson angeht", sagte er in einem Interview. "Aber Sie kennen ja seinen Stil und seine Methode." Johnson habe in der Kampagne für den EU-Austritt aus der EU "viel gelogen". "Ich brauche ein Gegenüber, mit dem ich verhandeln kann und das eindeutig, glaubwürdig und verlässlich ist."

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz kritisierte insgesamt die Zusammensetzung des neuen Kabinetts May. Der neuen Premierministerin sei es bei der Vergabe der Ministerposten offenbar mehr um die Überwindung der Spaltung ihrer konservativen Partei gegangen als um die nationalen Interessen Großbritanniens. Das Land müsse diesen gefährlichen Teufelskreis durchbrechen, der direkte Auswirkungen auf den Rest Europas habe, sagte Schulz.

Merkel will Ernennung nicht kommentieren

Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte in einem Telefonat mit May die Freundschaft mit Großbritannien. Sie habe May Glück gewünscht, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Beide seien übereingekommen, die Kooperation im Geiste der bewährten Freundschaft fortzusetzen. In dem Telefonat lud Merkel die neue britische Premierministerin nach Deutschland ein. Die Ernennung von Boris Johnson zum Außenminister wollte die Kanzlerin nicht kommentieren. "Ich glaube, unsere Aufgabe ist es, mit Regierungen befreundeter Länder sehr eng zusammenzuarbeiten", sagte Merkel. "Die Welt hat genügend Probleme, um auch die außenpolitische Zusammenarbeit gut voranzubringen, so wie wir das in der Zusammenarbeit mit Großbritannien immer gemacht haben."

Nach Ansicht der Grünen kann die Ernennung des Brexit-Befürworters zum Außenminister die britischen Austrittsverhandlungen belasten. Die Wahl "ist ein sehr schlechtes Signal für den Austrittsprozess und lässt Zweifel an den Fähigkeiten der neuen Premierministerin aufkommen", sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Parteichefin Simone Peter ist sich sicher, Johnson werde in Europa und darüber hinaus "sein launenhaftes Unwesen treiben", was kein gutes Signal für die Zusammenarbeit der Europäer mit Großbritannien sei. Mit der Ernennung habe May "den Bock zum Gärtner gemacht", sagte Peter. Johnson werde sowohl die Tory-Partei als auch die Briten weiter spalten.

EU-Abgeordnete glaubte an Scherz

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms, glaubte nach der Berufung zunächst an einen Scherz: "Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich weiß aber, dass es nicht gut ist, wenn Verantwortungslosigkeit in der Politik belohnt wird."

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im EU-Parlament, Elmar Brok (CDU), sagte, es sei sicherlich der Versuch der neuen Premierministerin, die gesamte Partei zu einen. Es habe ihn "verwundert, dass derjenige, der den Brexit organisiert hat – in der Art, wie er ihn organisiert hat, mit Kampagnen, die sehr weit an der Wahrheit vorbeigingen – jetzt europäische Politik zu betreiben hat oder mit Europa kooperieren muss."

Zeitung spricht von "begeisternden Schachzug"

Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel kritisiert die Personalentscheidungen der neuen britischen Premierministerin scharf, insbesondere die Ernennung Johnsons. "Wie kann sie in ihrer Antrittsrede von nationaler Einheit sprechen und dann den Mann, der das Land gespalten hat, als Außenminister einsetzen", teilte IfW-Präsident Dennis Snower mit. Die daraus resultierende Unsicherheit über die Zukunft Europas könnte für einen EU-weiten wirtschaftlichen Stillstand sorgen.

Etwas anders bewertet die britische Zeitung The Telegraph die Ernennung: Dass May Johnson "in einem begeisternden Schachzug zum Außenminister gemacht hat", lobte das Blatt. "Boris zu ernennen war eine exzellente Idee: Er glaubt an den Brexit, aber er ist proeuropäisch."

Der ehemalige Londoner Bürgermeister Johnson, der sich wenig diplomatisch präsentiert, hatte sich für den Brexit stark gemacht und als Favorit für die Nachfolge des zurückgetretenen britischen Premierministers David Cameron gegolten. Überraschend hatte er sich dann doch nicht für den Posten beworben, was ihm heftige Kritik einbrachte. Premierministerin und Parteichefin der Konservativen wurde Theresa May, die ihn nun zum Außenminister ernannte.