Theresa May ist klug. Die Ernennung Boris Johnsons zum Außenminister ist ein Beweis. Britanniens neue Premierministerin verkennt keineswegs Johnsons Lächerlichkeit. Erst vor wenigen Tagen, damals noch Kandidatin, verglich sie ihr Verhandlungsgeschick mit dem Johnsons: "Ich habe bei Treffen der EU am Tisch gesessen. Ich war nicht nur da, ich habe geliefert. Andere haben natürlich auch verhandelt. Ich erinnere mich, das letzte Mal, als Boris mit den Deutschen verhandelte, kam er mit drei nicht ganz neuen Wasserwerfern zurück." Das war vor einem Jahr, die Innenministerin May verbot dem damaligen Bürgermeister von London den Einsatz des Geräts.

May weiß also, dass Johnson ein Scharlatan ist. Aber sie weiß auch, dass der Mann, der die Kampagne für den Brexit mit Lügen gewann, bei den Bürgern als der Politiker gilt, dem sie in Fragen der EU am meisten vertrauen. Gewiss, Johnson hat bereits viel von seinem Nimbus verloren, seit er kniff, als er offenkundig zum eigenen Erstaunen – und vermutlich auch Entsetzen – erreicht hatte, wofür er polemisierte. Aber seine Popularität bleibt gefährlich.

May hat Johnson ins Zelt geholt, damit er nicht draußen zündeln kann. Johnson wird als Außenminister, wenn auch am Rande, Teil des Brexit-Kommandos sein. Scheitert es, ist er mit schuld. Späteren populistischen Feldzügen des wortgewandten Wahrheitsverdrehers ist damit der Boden entzogen. Bisher war Johnson wie ein gefährlicher Sprengsatz der britischen Politik, der das Land zerreißen und in eine Krise stürzen kann. May hat nun dafür gesorgt, dass sein Zündmechanismus als Hinterbänkler und Kolumnenschreiber und verantwortungsloser Redner entfernt wird. Was Johnson als Außenminister tun wird, wird auf ihn zurückfallen.

Daraus folgt die zweite kluge Überlegung: Sollte Johnson auch als Außenminister in der Tat unbedacht genug sein, mit so dreisten Sprüchen wie denen, die jetzt in allen britischen und europäischen Medien zitiert werden, andere Außenminister oder Regierungschefs vor den Kopf zu stoßen, liefert er May die willkommene Steilvorlage, ihn bei der nächsten Kabinettsumbildung in spätestens einem Jahr ins dann wohl endgültige politische Abseits zu befördern. 

Idealer Posten für Johnson

Für ein Problem wie Johnson ist der Posten des Außenministers ideal. Formal eines der wichtigsten Staatsämter, haben Außenminister tatsächlich längst an Einfluss verloren. Premierminister von Margaret Thatcher bis Tony Blair ebenso wie Kanzler von Helmut Schmidt bis Angela Merkel bestimmten die Außenpolitik ihres Landes selbst. Erinnert sich irgendjemand an Philip Hammond, den britischen Außenminister der vergangenen zwei Jahre? Peinliche Bemerkungen Johnsons werden seine Karriere zerstören, nicht Britanniens Beziehungen zu anderen Staaten.

Auch Johnson ist intelligent. Die Gefahr, die ihm im neuen Amt droht, wird er kaum ignorieren. Der Schock, einen Brexit bewirkt zu haben, an dem er eigentlich seiner eigenen Karriere zuliebe knapp vorbeischrammen wollte, sitzt ihm noch in den Knochen. Johnsons großes Talent ist das eines brillanten Redners. Jetzt hat er die Chance, es zum Guten seines Landes einzusetzen. Zu bedauern ist der ausgezeichnete Beamtenstab des britischen Außenministeriums, der mit der bekannten Nachlässigkeit seines neuen Ministers wird arbeiten müssen.

Der Außenminister, der nach seiner Lügenkampagne in Brüssel verhasst ist, wird nicht selbst mit den anderen Europäern verhandeln müssen. Dafür hat May David Davis eingesetzt, einen EU-skeptischen Hardliner, der bereits wenige Tage vor seiner Ernennung detailliert darlegte, wie er sich Großbritannien außerhalb der EU vorstellt. Wichtiger als Johnson wird auch der neue Minister für internationalen Handel, Liam Fox sein, seit Langem ein bekennender Verächter der EU.

Mit den Folgen des Brexit wird auch Andrea Leadsom zu kämpfen haben. Die Konkurrentin Mays um den Premierministerposten, die über ein törichtes Zeitungsinterview stolperte, wird Landwirtschaftsministerin. Davis, Fox und Leadsom müssen nun beweisen, dass der Brexit die goldene Zukunft liefert, die sie versprochen haben.

Es ist wahrscheinlich, dass sie da auf Schwierigkeiten stoßen. Anders als die drei harten Skeptiker war Johnson immer nur eine karrieretaktischer Feind der EU. Vom Naturell her ist er ein Globalist. Wenn, etwa in zwei Jahren, die Zweifel über die Weisheit des Brexit auch in der britischen Bevölkerung zunehmen, dann könnte ein Außenminister Johnson, sollte er sich bis dahin nicht selbst erledigt haben, zum gewandten Sprecher der Wende werden. Die brillant formulierte Rede, dass alles ein großer Irrtum war, könnte im typischen Boris-Stil beginnen: "Freunde, ihr seht mich zerknirscht."