Er hatte seine Karriere als Journalist begonnen. Die Times feuerte ihn sehr bald wegen eines erfundenen und einem Oxford-Professor in den Mund geschobenen Zitates. Sein nächster Arbeitgeber, der Telegraph, schickte ihn nach Brüssel. Dort amüsierte er sich, indem er Geschichten über Normgrößen für Kondome und Auseinandersetzungen über Käsepolitik erfand, die ihm durch ihre Popularität in eurofeindlichen Kreisen "ein bizarres Machtgefühl" vermittelten, wie er ohne Zögern selbst zugab. "Ich schmiss Steine über den Gartenzaun und wartete auf das phantastische Klirren, das sie verursachten, wenn sie in England in ein Gewächshaus einschlugen."

Wäre der Brexit auch ohne Boris Johnsons Lügen zustande gekommen? Euroskepsis ist tief verwurzelt im britischen Denken. Euroskepsis – das zumindest meine ich – war einer der wichtigsten Beiträge Großbritanniens zur EU. Man braucht immer Skeptiker, Querdenker und intellektuelle Aufrührer.

Hilfloses Rudern nach Auswegen

Johnson ist kein Skeptiker. Er ist ein egozentrischer Clown, der die britische Tugend der Bedachtsamkeit schamlos für seine Zwecke ausweidete. Vielleicht war sein Eintreten für den Brexit – er entschloss sich dazu erst vor drei Monaten – für ihn auch nur wieder ein großer Jux, der Streich eines nie wirklich erwachsen gewordenen Lausbuben der Oberschicht. Doch als er mit den vermutlich für ihn selbst fast unverhofften Konsequenzen seines Tuns konfrontiert war, wusste er nicht mehr weiter. Die letzte seiner wöchentlich im Telegraph erscheinenden, mit mehreren Hunderttausend Pfund pro Jahr vergüteten Kolumnen war ein hilfloses Rudern nach Auswegen.

Der Charme wirkte nicht mehr. Das Land drohte in politischem Chaos zu versinken. Es waren die Granden der konservativen Partei, die die Notbremse zogen, das alte Establishment. Leute wie Michael Hesseltine und Kenneth Clarke, die seit Jahrzehnten mal als Minister und jetzt, in fortgeschrittenen Jahren, aus dem Hintergrund in einer letzten großen Kraftanstrengung Vernunft und Common Sense zum Durchbruch zu verhelfen suchen.

Hesseltine nahm kein Blatt vor den Mund. Boris, erklärte er der BBC, habe die Partei entzweit, das Land in eine tiefe Verfassungskrise gestürzt und Milliardenwerte des nationalen Reichtums zerstört. Er erinnere ihn an einen General, der seine Truppen ins Gefecht führe und beim ersten Getöse der Kanonen flieht. "Ich habe nie ein annährend verachtungswürdiges und verantwortungsloses Verhalten erlebt."

Das Land muss mit den Folgen leben. Aber man kann auch dem Land die Verantwortung nicht absprechen. Zu lange hat es Boris Johnson seine Extratouren nachgesehen wie eine Mutter ihrem verwöhnten Lieblingssohn.