Als eine ihrer ersten Amtshandlungen hat die neue britische Premierministerin Theresa May eine überraschende Entscheidung getroffen: Sie macht den schillerndsten Wortführer des Brexit-Lagers, Boris Johnson, zu ihrem Außenminister.

Johnson, früherer Bürgermeister von London und ewiger Konkurrent von Ex-Premier David Cameron, hatte nach dem Votum für einen EU-Austritt überraschend mitgeteilt, nicht für dessen Nachfolge zu kandidieren. Theresa Mays Entscheidung ist auch deshalb überraschend, weil Johnson im Rennen der Tory-Kandidaten um Camerons Nachfolge ihre Konkurrentin, Energiestaatssekretärin Andrea Leadsom, unterstützt hatte. David Cameron, der ebenfalls für einen Verbleib in der EU geworben hatte, hatte einen Tag nach dem Referendum seinen Rückzug als Premier und Parteivorsitzender der Tories angekündigt. Daraufhin begann bei den Tories das Rennen um seine Nachfolge, in dem sich schneller als gedacht Theresa May durchsetzte.

Allerdings wird Johnson bei den Verhandlungen über das künftige Verhältnis Großbritanniens zur Europäischen Union nur eine geringe Rolle spielen. Denn May schuf einen neuen Posten für diese Aufgabe: Sie ernannte den europaskeptischen Abgeordneten David Davis zum Staatssekretär für den Austritt aus der EU. Davis wird damit zum Chefunterhändler der Verhandlungen mit Brüssel.

"Kühne, neue, positive Rolle"

In ihrer ersten Rede als Premierministerin stimmte May die Bürger auf große Veränderungen ein. "Nach dem Referendum steht uns eine Zeit großen nationalen Wandels bevor", sagte sie bei der Ankunft in der Downing Street. Man werde die Herausforderungen aber meistern. Nach dem EU-Austritt werde Großbritannien "in der Welt eine kühne, neue, positive Rolle" übernehmen.

Außerdem würdigte sie die Arbeit ihres Amtsvorgängers. Camerons Regierung habe die Wirtschaft stabilisiert, die Schulden gesenkt, mehr Menschen als je zuvor in Arbeit gebracht. Sein wahres Vermächtnis liege aber darin, für soziale Gerechtigkeit gesorgt zu haben, indem er die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt und Geringverdiener von der Einkommensteuer befreit habe.

Großbritannien - "Brexit bedeutet Brexit" Die britische Innenministerin und Anwärterin auf das Amt der Premierministerin Theresa May will das Referendum zum EU-Austritt anerkennen. Sie wolle das Land wieder vereinen, sagte May in Birmingham.

Sie plane, im selben Geist des Zusammenhalts ihre Regierung anzuführen. Sie glaube an die Einheit als wertvollen Bund zwischen den Nationen England, Schottland, Wales und Nordirland, aber auch an die Einheit zwischen den Bürgern – unabhängig davon, woher jemand komme.

Neben Johnsons Ernennung zum Außenminister gab May bekannt, dass der bisherige Außenminister Philip Hammond neuer Schatzkanzler wird. Der bisherige Finanzminister George Osborne trat zurück, teilte Downing Street mit. Osborne war im Brexit-Wahlkampf energisch für einen Verbleib Großbritanniens in der EU eingetreten. Hammond dürfte bei den anstehenden Austrittsverhandlungen mit der EU eine wichtige Rolle spielen.

Vor ihrer Ernennung hatte Mays Vorgänger Cameron seiner Nachfolgerin bei einer letzten Fragestunde im britischen Unterhaus empfohlen, "so nah wie möglich" bei der EU zu bleiben. Eine enge Beziehung zur EU sei gut für den Handel, für die künftige Zusammenarbeit mit den EU-Staaten und für die Sicherheit Großbritanniens. Vor allem britische Unternehmen müssten weiterhin "echten Zugang" zum EU-Binnenmarkt haben.

May ist die zweite Premierministerin nach Margaret Thatcher. Die Pfarrerstochter wird nicht nur wegen ihres nüchternen Politikstils mit der "Eisernen Lady" verglichen. Als Innenministerin profilierte sie sich vor allem in der Einwanderungspolitik als Verfechterin einer harten Linie.

Glückwünsche und Mahnungen zur Eile

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat May schon am Abend bei einem Telefonat zu ihrem neuen Amt gratuliert und ihr Glück gewünscht. Regierungssprecher Steffen Seibert teilte mit, beide hätten sich der freundschaftlichen Beziehungen ihrer Länder versichert und gute Zusammenarbeit in Aussicht gestellt. In diesem Geiste sollten auch die Brexit-Verhandlungen geführt werden, hieß es. Merkel hatte angekündigt, May in der Brexit-Frage nicht unter Druck zu setzen. Es müsse aber "einen Zeitraum geben", in dem sich die neue britische Regierung über ihr künftiges Verhältnis zur EU klar werde, sagte Merkel in einem Sat.1-Interview. Auch Regierungssprecher Steffen Seibert erneuerte die Warnung der Bundesregierung vor einer "Hängepartie".

May wird in Brüssel erwartet

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker will rasch mit der neuen britischen Premierministerin über die Folgen des Brexit-Votums sprechen. In seinem Glückwunschschreiben hieß es: "Das Ergebnis des Referendums im Vereinigten Königreich hat eine neue Lage geschaffen, die das Vereinigte Königreich und die Europäische Union bald angehen müssen." Er freue sich, Mays diesbezügliche Absichten zu erfahren, und hoffe auf ein Treffen in nächster Zukunft.

Auch EU-Ratspräsident Donald Tusk erklärte, dass er sich auf eine "erfolgreiche Arbeitsbeziehung" mit May freue. In seinem Glückwunschschreiben fügte er hinzu, dass er sich auch darauf freue, May im Europäischen Rat, also im Kreis der EU-Staats- und Regierungschefs, zu begrüßen.