Seit dem Brexit-Referendum herrscht in Großbritannien das Chaos. Ein politischer Rücktritt reiht sich an den nächsten, das Pfund ist abgestürzt, das Königreich droht auseinanderzubrechen, die Londoner Banken-Szene befürchtet einen Exodus: Für viele ausländische Beobachter wirkt Großbritannien derzeit wie ein sinkendes Schiff. Auch unter denen, die für Remain gestimmt hatten, ist der Jammer groß. In London gehen junge Leute für die EU auf die Straße und in Belfast werden die Antragsformulare für irische Staatsbürgerschaften knapp.

Doch hat dieser Katzenjammer auch die Brexit-Befürworter erfasst? Nach dem Referendum wurden in den sozialen Medien Geschichten von reuigen Brexit-Anhängern besonders häufig geteilt. So entstand der Eindruck, dass viele von ihnen nicht erwartet hatten, dass ihre Stimme wirklich einen EU-Austritt herbeiführen könnte und jetzt gerne ihr Votum rückgängig machen würden. Schnell gab es auch Begriffe für dieses Gefühl: "Regrexit" oder "Brexit-Blues".

Die Videos, die den Regrexit belegen sollten, erzählen schöne Anekdoten. Doch britische Umfragen zeigen ein ganz anderes Stimmungsbild: Laut einer Befragung des Instituts Ipsos Mori würden nur fünf Prozent der Brexit-Wähler in einem zweiten Referendum anders abstimmen – allerdings auch zwei Prozent derjenigen, die sich für einen Verbleib entschieden hatten. Die große Mehrheit der Brexit-Anhänger hat also durchaus nicht das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Auch Tage nach dem Votum, das die Märkte in Aufruhr versetzte, halten immer noch fast die Hälfte der Briten den Brexit vielmehr für die richtige Entscheidung.

Diejenigen, die sich jetzt gemeinsam mit den meisten europäischen Medien an den Kopf fassen und sich fragen, wie das nur passieren konnte, sind im Wesentlichen die gleichen, die für einen Verbleib in der EU gestimmt haben. Unter ihnen halten 90 Prozent den Brexit für die falsche Entscheidung, während 89 Prozent der Brexit-Wähler ihn für die richtige halten. Beide Gruppen sind nach wie vor etwa gleich groß – einen wirklichen Meinungsumschwung hat es also nicht gegeben.

Entsprechend niedrig ist auch die Unterstützung der Briten für ein zweites Referendum, das sich bisher rund vier Millionen Unterzeichner einer Onlinepetition und viele andere Europäer wünschen. In Großbritannien ist die Begeisterung eher verhalten: Zwei Drittel der Befragten sprachen sich in einer Umfrage von YouGov gegen eine weitere Volksabstimmung aus. Darunter waren auch viele EU-Unterstützer, die wie Premierminister David Cameron darauf pochen, dass die Entscheidung vom 23. Juni akzeptiert werden muss.

Selbst unter der Voraussetzung, dass Schottland sich dann von Großbritannien trennen könnte, ändert sich an dem Meinungsbild kaum etwas. Mit einem Mal scheint der Zerfall des Vereinigten Königreichs keine beängstigende Vision mehr zu sein, sondern ein Preis, den viele Wähler für einen EU-Austritt zu zahlen bereit sind.

Auch mögliche wirtschaftliche Folgen jagen vielen Brexit-Anhängern nach wie vor offenbar keine besondere Angst ein: IWF-Chefin Christine Lagarde hatte bereits vor dem Referendum gewarnt, dass Großbritannien sich auf eine Rezession einstellen müsste. Dazu gibt es zahlreiche Berichte über Teile der Londoner Finanzindustrie, die nun im Rest Europas nach einer neuen Heimat suchen. Doch viele Brexit-Befürworter scheinen das einfach nicht zu glauben. Das liegt auch an den britischen Medien. Zwar warnen Zeitungen wie der Guardian oder der Independent vor einer Wirtschaftskrise, konservative Boulevardmedien machen hingegen weiter wie bisher und schreiben gegen polnische und andere Einwanderer an.

Das könnte erklären, warum 44 Prozent der Befragten sagen, sie seien im Hinblick auf die Zukunft ihres Landes optimistisch. Viele sehen in den aktuellen wirtschaftlichen Problemen keinen langfristigen Trend. Allerdings gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Remain- und Brexit-Wählern: Erstere sind eher pessimistisch und glauben, dass sich die Situation des Landes und seiner Bürger verschlechtern wird. Euroskeptiker sind dagegen überzeugt, dass alles gut ausgehen wird.

Ohnehin waren ökonomische Motive für viele Brexit-Wähler am 23. Juni nicht ausschlaggebend: Nur drei Prozent von ihnen nannten YouGov gegenüber die Wirtschaft als Hauptgrund für ihre Entscheidung, während es bei Remain-Wählern 70 Prozent waren. Wichtiger für den Ausgang des Referendums waren vielmehr das Thema Einwanderung und der Wunsch, dass Großbritannien künftig wieder in der Lage sein solle, "seine eigenen Gesetze zu machen". Selbst wenn Brexit-Wähler nun einsehen sollten, dass das Referendum schlecht für die britische Wirtschaft ist, heißt das also noch lange nicht, dass sie ihre Entscheidung deswegen auch bereuen.

Dass die Diskussion in den europäischen Medien nur begrenzt die Meinung der britischen Wählerschaft reflektiert, zeigt sich auch noch an einem anderen Beispiel: Während des Wahlkampfes war Boris Johnson in einem roten Bus durch das Land gefahren, auf dem in großen Buchstaben stand "Wir schicken jede Woche 350 Millionen Pfund an die EU". Nach dem Referendum wollte Ukip-Chef Nigel Farage von seiner Aussage, dieses Geld könne nach einem EU-Austritt eins zu eins in das britische Gesundheitssystem fließen, allerdings nichts mehr wissen. In Europa reagierten viele Beobachter darauf mit einer Mischung aus Empörung und Schadenfreude.

Viele Briten glauben jedoch immer noch das, was auf dem roten Bus stand. Mehr als ein Drittel von ihnen, so ergab die YouGov-Umfrage, ist nach wie vor davon überzeugt, dass ihre Regierung in Zukunft 350 Millionen Pfund pro Woche sparen und in Großbritannien ausgeben wird.