Die Europäische Union ist eine permanente Provokation. Denn sie behauptet ja, dass es möglich sei, einen Kontinent zusammenführen zu können, der über Jahrhunderte zerrissen war und bis heute vielgestaltig ist. Das ist eine ziemlich verwegene Unternehmung. Eine, die weder lohnt, noch Aussicht auf Erfolg hat, wie kürzlich eine Mehrheit der Briten befand. Sie machten sich davon. Die anderen – wie soll man sie nennen: Die Wackeren? Die Unverbesserlichen? Die Gläubigen? Die Übriggebliebenen? – die anderen also machen sich nach dem Brexit intensiv Gedanken darüber, wie man den Rest der EU zusammenhalten könnte. Die Antworten fallen unterschiedlich aus, aber in einem Punkt ist man einig: Es braucht mehr Demokratie!

Ob in Deutschland, Frankreich, Italien oder den Niederlanden erschallt dieser Ruf – und zwar von rechts außen über die Mitte des politischen Spektrums nach links außen. Die EU sieht sich in allen Mitgliedstaaten einer geschlossenen Front gegenüber.

Nur, was bedeutet das: mehr Demokratie in der EU?

In der Praxis läuft das derzeit offenbar auf die Renationalisierung und damit auf eine geopolitische Schwächung Europa hinaus.

Das Schicksal des Freihandelsabkommens Ceta zwischen der EU und Kanada zeigt dies deutlich. Noch vor wenigen Tagen hatte Kommissionspräsident Claude Juncker gesagt, Ceta sei ein "EU-only" Vertrag. Das bedeutet, dass die europäischen Institutionen ihn zum Abschluss bringen können, ohne die Mitgliedstaaten befragen zu müssen. Wie viele Experten sagen, ist dies eine rechtlich einwandfreie Position. Sie ist auch politisch sinnvoll. Die Handelspolitik ist eine der Stärken der EU, gewissermaßen ihre Kernkompetenz.

Kaum aber hatte Juncker "EU-only" gesagt, gab es einen Aufschrei! Was? Brüssel will über etwas so Wichtiges alleine bestimmen? Das komme gar nicht infrage, schon gar nicht nach dem Brexit!

"Unglaublich töricht" befand Vizekanzler Sigmar Gabriel. Kanzlerin Angela Merkel sagt dasselbe etwas kühler, der Bundestag werde sich mit Ceta befassen, kündigte sie an.

Juncker gab schnell nach. Jetzt dürfen die Mitgliedstaaten über Ceta abstimmen. Der Ausgang ist mehr als ungewiss.

Die Rückverlagerung der Entscheidung über Ceta in die nationalen Parlamente ist ein Zeichen eklatanter Schwäche der EU.

Denn sie kommt ausgerechnet jetzt, da nach dem Brexit alle Welt auf die Union wie auf einen Kranken starrt und sich fragt, ob er sich je erholen wird.

Russlands Putin freut sich gewiss über diese Selbstschwächung der EU, in Washington wird man sich über die europäische Kakophonie noch mehr Sorgen als ohnehin machen, Pekings Führung wird sich in seiner Haltung bestätigt fühlen: "Die EU? Kann man nicht ernst nehmen."

Die EU ist drauf und dran, sich als geopolitischer Akteur selbst aus dem Spiel zu nehmen – durch den Druck aus den Nationalstaaten.

Aber war das nicht trotzdem ein Sieg der Demokratie über die Brüsseler Bürokraten?

Nein, das war es nicht.

Denn Ceta brauchte auch im "EU-only" Verfahren die Zustimmung des europäischen Parlaments, immerhin eine einwandfreie, europaweit demokratisch legitimierte Institution.