Er verstehe nicht, dass das Brexit-Lager für den Plan zum Austritt Großbritanniens aus der EU nun Monate benötige, sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Dienstag während einer Debatte im Europaparlament in Straßburg. Seine Mitarbeiter warteten auf die offizielle Bekanntgabe des Austrittsbegehrens, sagte Juncker.

Hinter den Kulissen scheint man in der Kommission aber offenbar mit einem längeren Warten zu rechnen. "Wir rechnen nicht damit, dass der Antrag noch in diesem Jahr kommt", zitierte die WirtschaftsWoche aus der EU-Kommission.

Dem Bericht zufolge geht die Brüsseler Behörde sogar davon aus, dass die kommende britische Regierung Artikel 50 des EU-Vertrags zum Austritt aus der Europäischen Union erst im September 2017 auslösen werde. "Wenn ein britischer Politiker Artikel 50 auslöst, dann wird er das nach den Wahlen in Frankreich und Deutschland tun", zitierte die WirtschaftsWoche die Kommissionskreise.

In Frankreich wird im April 2017 ein neuer Staatspräsident gewählt. Für das Amt kandidiert unter anderem die Vorsitzende des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, die im Fall eines Wahlsieges in Frankreich, nach dem Vorbild Großbritanniens, ebenfalls ein Referendum über den Austritt aus der EU abhalten will. In Deutschland wird voraussichtlich im Herbst 2017 der Bundestag neu gewählt.

Der EU-Vertrag sieht vor, dass für ein Ausscheiden aus der Union ein formeller Antrag gestellt wird. Danach gibt der Vertrag einen Zeitraum von zwei Jahren für die Verhandlungen über den Austritt vor. Nach dem Referendum in Großbritannien, bei dem sich am 23. Juni knapp 52 Prozent der Briten für den Brexit entschieden haben, hatte der konservative Premierminister David Cameron seinen Rücktritt erklärt. Er hatte vor der Abstimmung für den Verbleib in der EU geworben.

Als Favoritin für die Nachfolge gilt die bisherige Innenministerin Theresa May, die im Wahlkampf eher den Bremain-Standpunkt eingenommen hatte, obwohl sie nicht als Europa-Befürworterin gilt. Sie hat bereits angekündigt, den Austrittsantrag nicht mehr in diesem Jahr zu stellen. Die Tories wollen im Spätsommer entscheiden, wer nach Cameron britischer Premier wird.