Werden uns nun alle paar Wochen, womöglich in noch kürzeren Abständen, Schreckensbotschaften erreichen von Anschlägen gut vernetzter oder selbst erklärter Attentäter des "Islamischen Staats" und anderer Misanthropen? Und während wir am Arbeitsplatz sind oder zu Hause das Kaffeewasser kocht, die Kinder über Hausaufgaben brüten oder Pläne für den nächsten Urlaub geschmiedet werden, vernehmen wir mit halbem Ohr die immer gleichen Textbausteine von Bekenner-Erklärungen der Terroristen? In Wiederholung die mitfühlenden Solidaritätsbekundungen befreundeter Staaten, Kriegserklärungen an den feigen Feind aus dem Mund von Innenminister und Staatschef, dazu die Schuldzuweisungen der politischen Opposition?

Frankreich betrauert seit 18 Monaten mehr als 230 Menschen, die bei solchen Attentaten starben. Hunderte weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Der im November verhängte und inzwischen bis zum Januar 2017 verlängerte Ausnahmezustand sollte den Bürgern ein Stück Sicherheit vorgaukeln und kann sein dünnes Versprechen freilich nicht halten. Spätestens seit Dienstag bohrt sich mit Macht eine Frage ins Bewusstsein: Was kommt als nächstes? Und wo? Heute im Supermarkt? Morgen im Restaurant? Am nächsten Wochenende in einer Konzerthalle, bei einem Fußballspiel oder erneut in einer Kirche? Kein Ort scheint zu banal.

In anderen Ländern, die bis vor Kurzem so fern erschienen, gehören solche Gedanken zum Alltag. Aber Europa, so glaubte man, hatte Religionskriege längst abgehakt.

Nein, Routine darf sich jetzt nicht einstellen. Routine, so heißt es oft, sei der Schlaf des Denkens. Und ist deshalb gefährlich. Keine Gesellschaft kommt weiter, wenn sie nur Kurs hält.

Für Frankreich ist der Mord von Saint-Étienne-de-Rouvray eine Zäsur. Er muss es sein. Das zu behaupten hat nichts mit mangelndem Respekt vor den Toten von Paris und Nizza zu tun. Diesmal schlugen die Täter in einer Kirche zu, während der Messe. An einem Ort der Zuflucht, während eines heiligen Moments für die Gläubigen. Gleichzeitig trifft der Anschlag eine Gesellschaft ins Mark, die das Zusammenleben der Religionen in einem laizistischen Staat hoch hält. Das ist kein Zufall. Die Terroristen wollen die Gesellschaft spalten.

Ausgrenzung als Ausweg?

Eine Antwort darauf zu finden, ist anspruchsvoll. Schon melden sich die, die nun eine Radikalisierung auf der Seite der potenziellen Opfer fürchten. Patrick Calvar, der Chef des französischen Inlandsgeheimdienstes, warnte jüngst gar vor einem Bürgerkrieg, wenn Nicht-Muslime zur offenen Gegenwehr schritten. Der Religionshistoriker Odon Vallet spricht nun von der Gefahr einer Radikalisierung französischer Katholiken. Viele von ihnen hätten in der Vergangenheit bereits die rechtsnationale Partei Front National von Marine Le Pen gewählt. Deren Wählerschaft könnte noch weiteren Zulauf bekommen.

Le Pen verspricht, was Forscher als Welten der Sicherheit bezeichnen. Dabei werden Gefahren und Bedrohungen auszugrenzen versucht, indem durch Grenzziehung und Barrierebildung sichere Orte und Räume geschaffen werden sollen. Ausländer raus, Grenzen schließen, Verbot oder zumindest Beschränkung der Religionsausübung für Muslime.

Solche Welten der Sicherheit schüren mit ihrem impliziten Versprechen einer sicheren Welt Erwartungen, denen sie selten genügen können. Häufig wird daraufhin ein noch höherer Ressourceneinsatz gefordert, um das Ziel dennoch zu erreichen: mehr Polizei, schärfere Überwachung, Beschneidung bürgerlicher Freiheiten, Schaffung eines französischen Guantanamo für Terror-Verdächtige.

Im Gegensatz dazu stehen die sogenannten Kulturen des Risikos. Sie kennzeichnen sich, so der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der Humboldt-Universität in Berlin, "durch die Entwicklung von Arrangements, die Gefahr und Bedrohung berechen- und kalkulierbar machen". Solche Kulturen seien darauf angelegt, "hinter jeder Gefahr eine Chance zu sehen".