Kurz vor 16 Uhr tritt ein sichtlich geknickter Premierminister David Cameron vor seinem Amtssitz in der Downing Street 10 vor die Kameras. Es werde keine lang gezogene Kampagne für die Wahl zum Chef der Konservativen Partei geben, teilt Cameron mit. Theresa May habe "die überwältigende Unterstützung" der Tory-Abgeordneten. "Sie ist stark, sie ist kompetent, sie ist mehr als fähig, die Führung zu bieten, die unser Land in den kommenden Jahren brauchen wird." Die derzeitige Innenministerin habe dabei seine volle Unterstützung.

Am Dienstag werde er seinem letzten Kabinettstreffen vorstehen, sagt Cameron dann. Am Mittwoch werde er den Abgeordneten im Unterhaus Frage und Antwort stehen. "Danach werde ich zum Palast gehen und meinen Rücktritt einreichen." Am Mittwochabend werde es "in dem Gebäude hinter mir" einen neuen Premierminister geben. Danach dreht er sich um und verschwindet schweigend in seinem Regierungssitz.

Camerons knappe Erklärung ist der Höhepunkt eines politischen Dramas, das am Montag ein weiteres Mal mehrere unerwartete Wendungen genommen hat. Den Auftakt dazu hat Andrea Leadsom bereitet. Sie war am Mittag zu einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz erschienen. Die Staatsministerin im Energieministerium hatte es erst vergangene Woche in die Endrunde im Rennen um Camerons Nachfolge geschafft. Eigentlich sollten die rund 150.000 Parteimitglieder in den kommenden Wochen per Briefwahl darüber entscheiden, ob sie oder May Parteivorsitzende der Konservativen Partei wird – und somit das Amt des Premiers von David Cameron übernimmt.

Kein Anlass, das Rennen von neuem zu eröffnen

Doch es kam anders. "Ich glaube daran, dass uns durch das Verlassen der EU eine strahlende Zukunft erwartet", verlas Leadsom aus einem Brief, den sie am Morgen an die Parteiführung geschickt hat. Das Land brauche jedoch eine "starke Führung" beim Rückzug aus der EU. "Ein neunwöchiger Wahlkampf um die Parteiführung zu so einem kritischen Zeitpunkt ist jedoch äußerst unerwünscht", fügte sie hinzu. Die Wirtschaft brauche Sicherheit, zudem habe ihre Kontrahentin May die Unterstützung der meisten konservativen Abgeordneten im Unterhaus. Daher habe sie beschlossen, ihre Kandidatur niederzulegen. "Ich ziehe mich von der Wahl zur Parteiführung zurück und wünsche Theresa May den größtmöglichen Erfolg."

Seit dem Leave-Votum der Briten bei dem Referendum vor zweieinhalb Wochen steht der Politikbetrieb des Landes Kopf. Der Parteichef der rechtspopulistischen Ukip-Partei und führende Brexit-Befürworter, Nigel Farage, hat sich vom Parteivorsitz verabschiedet, möchte aber sein Mandat als – Achtung, Ironie! – Abgeordneter im Europaparlament behalten. Die oppositionelle Labour-Partei reibt sich zusehends in einem Machtkampf zwischen den Labour-Abgeordneten und dem linken Parteichef Jeremy Corbyn auf. Und der führende Leave-Architekt der konservativen Partei, Boris Johnson, sah seine Ambitionen auf den Posten des Premiers zerplatzen, als ihm sein Mitstreiter Michael Gove in letzter Minute mit seiner eigenen Kandidatur in den Rücken gefallen ist.

Großbritannien - "Brexit bedeutet Brexit" Die britische Innenministerin und Anwärterin auf das Amt der Premierministerin Theresa May will das Referendum zum EU-Austritt anerkennen. Sie wolle das Land wieder vereinen, sagte May in Birmingham.

Die Tory-Abgeordneten haben Gove diesen Verrat offensichtlich übel genommen und ihn aus dem Rennen um den Parteivorsitz geworfen. Unnötig zu erwähnen, dass Gove so ziemlich der Erste war, der May am Montag öffentlich gratuliert und ihren sofortigen Amtsantritt gefordert hat.

Kurz nach Leadsoms Erklärung am Montagmittag trat der Abgeordnete Graham Brady vor die Kameras. Er steht dem einflussreichen 1922 Committee vor, das die Wahl des konservativen Parteivorsitzenden koordiniert. Brady erklärte, er sehe keinen Anlass dafür, das Rennen um den Vorsitz von neuem zu eröffnen. Er gehe aber davon aus, dass die Parteimitglieder, die nun nicht mehr über den Vorsitz abstimmen können, "zufrieden" sein würden, dass es innerhalb der Partei nun vorangehe.