Im Machtkampf um die Nachfolge des britischen Premiers und Tory-Parteichefs David Cameron sind die Chancen von Innenministerin Theresa May stark gestiegen. In der ersten Abstimmungsrunde der britischen Konservativen im Unterhaus brachte sie mit 165 Stimmen mehr Abgeordnete der Partei hinter sich als alle ihre Rivalen zusammen. Ihre stärkste Konkurrentin ist Energie-Staatssekretärin Andrea Leadsom, die 66 Stimmen auf sich vereinen konnte. Somit könnte es erstmals seit dem Rückzug Margaret Thatchers 1990 wieder eine Regierungschefin geben.

Zunächst war für Ex-Verteidigungsminister Liam Fox Schluss, weil er mit nur 16 Stimmen die wenigsten Abgeordnetenstimmen holte. Er schied damit automatisch aus. Schlecht schnitt auch Arbeitsminister Stephen Crabb ab, er erhielt 34 Stimmen. Er zog daraufhin seine Kandidatur von sich aus zurück. Der BBC sagte er, er unterstütze nun die Favoritin May. Vor dem Referendum über den Brexit hatte sie für einen Verbleib in der EU geworben, obwohl auch sie keine Europa-Befürworterin ist. 

Damit sind nur noch drei Kandidaten im Rennen: Neben May und Leadsom noch Justizminister Michael Gove. Er hatte 48 Stimmen bekommen. In einer zweiten Abstimmungsrunde am Donnerstag soll weiter aussortiert werden, bis zwei Bewerber übrig sind. Über ihre Kandidatur sollen dann die Parteimitglieder in einer Urwahl entscheiden.

Die Nachfolgersuche war notwendig geworden, weil Cameron nach dem mehrheitlichen Ja der Wähler für den Brexit seinen Rücktritt bis Oktober angekündigt hatte.

May bekam allerdings auch Gegenwind. Eine "verdammt schwierige Frau" ohne die notwendige außenpolitische Erfahrung nannte Ken Clarke. Der altgediente Tory-Politiker äußerte sich in einem Interview mit Sky News nicht nur abfällig über May, sondern über alle potenziellen Cameron-Nachfolger. Vor laufender Kamera offenbarte Clarke – der selbst Minister unter Cameron, John Major und auch Margaret Thatcher war – dass er aus taktischen Gründen zunächst für Crabb stimmen werde, später dann für May. Offensichtlich war Clarke nicht klar, dass seine Aussagen aufgenommen und ausgestrahlt wurden. Einige Parlamentarierinnen signalisierten daraufhin ihre Unterstützung für May. Auf Twitter kann sie sich seitdem über die Unterstützung anderer "schwieriger Frauen" freuen.

Auch der Brexit-Befürworter und ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson hat sich in den laufenden Auswahlprozess eingeschaltet. Johnson galt eigentlich als Favorit auf die Nachfolge, verzichtete aber überraschend auf eine Kandidatur, nachdem ein bisheriger Unterstützer, Justizminister Michael Gove, eine eigene Kandidatur angekündigt hatte. Nun hat sich Johnson für Leadsom als neue Premierministerin ausgesprochen. 

Der Wortführer der Austritts-Kampagne stellte sich damit hinter eine Kandidatin, die ebenfalls zu den führenden Vertretern des Leave-Lagers gehört. Die frühere Bankerin war bisher Energieministerin und trat im Wahlkampf entschieden für einen Austritt aus der EU ein. Sie verfüge über die "Energie, den Antrieb und die Entschlossenheit", das Land zu führen, sagte Johnson.